Die EU will ihre Klimaziele verschärfen und den CO2-­Ausstoß von Autos bereits bis 2030 drastisch senken. Bislang sind als Alternativen Strom und Wasserstoff im Gespräch. Doch einige Experten sind überzeugt: Auch ein weiteres „grünes Gas“ könnte den Weg in eine klimaneutrale Welt ebnen: Biomethan. „Die Infrastruktur ist da, die Technologie ist ausgereift“, sagt Frank Graf vom Karlsruher Institut für Technologie.

Was ist Biomethan? Chemisch gesehen ist es identisch mit Erdgas. „Der einzige Unterschied ist, dass die Moleküle keine Millionen Jahre unter der Erde verbracht haben“, erklärt Ralf Biehl, Geschäftsführer von „Erdgas Südwest“. Stattdessen wird Biomethan in Vergärungs- und Aufbereitungsanlagen hergestellt, aus Abfällen und Resten der Landwirtschaft. Die Herstellung ist nicht aufwendig: Die Abfälle vergären in einer Biogasanlage statt auf dem Feld oder der Deponie. Das Biogas wird dann aufgewertet zu Biomethan, das ins Erdgasnetz eingespeist werden kann.

Wieso ist das von Bedeutung? Bis 2050 will Deutschland klimaneutral sein. Nach Meinung von Experten wie Frank Graf würde sich Biomethan sehr gut als sogenanntes Übergangsgas eignen, bis andere Technologien ausgereift sind. „Wenn wir zehn bis fünfzehn Jahre warten, bis die Infrastruktur für Wasserstoff gebaut ist, dann haben wir zu viel Zeit verloren“, argumentiert er.

Wo kann man Biomethan einsetzen? Überall da, wo Erdgas verwendet wird: Für Strom, Wärme und als Treibstoff im Verkehr. „Der Vorteil von Biomethan gegenüber anderen erneuerbaren Energien ist, dass es langfristig im bereits bestehenden Gasnetz speicherbar und somit eine zeit-, wetter- und ortsunabhängige Lösung darstellt“, sagt Biehl.

Frank Graf forscht bereits seit Jahren an grünen Energiealternativen. Der Wissenschaftler sagt, dass vor allem in der Mobilitätsbranche viel mehr auf Biomethan gesetzt werden könnte. „Es könnten viele Pendler schon jetzt viel Geld sparen, wenn sie das Gas tanken würden.“

Die sächsische Firma Verbio spezialisiert sich auf die Herstellung von Biomethan aus Stroh für die Nutzung als Treibstoff. „Ein ganzes Jahr lang Auto fahren. Mit Biomethan aus vier Ballen Stroh.“ Damit wirbt die Firma für ihr Produkt. Graf sagt dazu: „Ja, das kann schon sein. Stroh hat sicherlich sehr großes Potenzial.“ Tanken müsste man bei einem Erdgasauto nach ungefähr 400 bis 500 Kilometern, aktuell gibt es rund 900 CNG-Tankstellen in Deutschland. Die Angaben von Verbio, dass sie mit 20 Millionen Tonnen Stroh im Jahr rund 10 Millionen Fahrzeuge betanken könnten, hält Graf für möglich. Nur gibt es keine 10 Millionen Erdgasautos in Deutschland – sondern knapp 100 000.

Woran scheitert der Ausbau? Graf führt das auf die Diskussion um die „Vermaisung der Landwirtschaft“ zurück: Sorgen, dass Biomethan Anreize für zu viel Maisanbau schaffe. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hält diese Annahme für widerlegt. Er weist darauf hin, dass auch kommunale Abfälle verwendet werden können; Verbio sagt, es nutze nur landwirtschaftliche Überreste.

Außerdem ist die Herstellung zwar nicht kompliziert, aber teuer. Das Stroh muss eingesammelt werden, der Transport kostet Geld, und die Anlagen sind nicht billig. Graf hält dem entgegen: „Egal was, Energie wird deutlich teurer werden.“ Man könnte seiner Ansicht nach mit einer Kombination aus verschiedenen erneuerbaren Gasen viel erreichen.

Was sagt die Politik? Ins Gasnetz eingespeist werden derzeit etwa 10 Terawattstunden (TWh) Biomethan – von 982 TWh des Gasverbrauchs in Deutschland 2019. Der BDEW möchte das bis 2030 auf das Zehnfache steigern, bis 2050 sogar auf 250 TWh. Politische Unterstützung hat er kaum.

Die Bundesregierung setzt auf Elektrifizierung und seit Neustem auf Wasserstoff. „Bioenergie spielt für den Gasverbrauch in Deutschland derzeit nur eine untergeordnete Rolle“, sagt ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums. „Die geringere Nutzung von Biomethan liegt in den vergleichsweise hohen Kosten begründet.“ Zudem verweist er auf das Mais-Problem. Es müsse darauf geachtet werden, dass die Produktion von Nahrungs- und Energiepflanzen in der Balance bleibe.

„Jetzt muss eben die Wirtschaft greifen“, sagt Ralf Biehl, der das alles optimistisch sieht. Bis 2022 plant er, sein in Ettlingen ansässiges Unternehmensgebäude vom Strom- und Wärmenetz abzukoppeln, um komplett autark zu sein. „Wir sind da auch auf einem guten Weg.“

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