Washington / Peter de Thier Trotz immer mehr Corona-Erkrankungen wollen die meisten Staaten die Öffnung der Wirtschaft erzwingen.

In den USA leben weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung, aber das Land stellt mehr als  ein Drittel aller Menschen,  die am Corona-Virus erkrankt sind und mehr als ein Viertel aller weltweiten Todesopfer. Tendenz steigend. Trotzdem haben 32 der 50 Bundesstaaten die Wirtschaft wieder angekurbelt.  Viele Politiker, allen voran Präsident Donald Trump, ignorieren die Warnungen der Gesundheitsexperten und drängen auf eine rasche Rückkehr zum Normalbetrieb. In mehreren Staaten zogen am Wochenende Tausende Menschen, teilweise schwer bewaffnet durch die Straßen, um gegen die Ausgangsbeschränkungen zu protestieren. 

In Texas meldeten die Behörden am Donnerstag  mehr Corona-Tote als an jedem anderen Tag seit Ausbruch der Pandemie. Doch auf Anordnung des republikanischen Gouverneurs Greg Abbott durften Restaurants, Shopping Malls, Museen und Kinos am Tag danach wieder ihre Türen öffnen und Kunden begrüßen. Abbott sagte, dass „die Ausgangssperren Wirkung gezeigt haben, nun ist es Zeit, auf verantwortungsvolle Weise dafür zu sorgen, dass unsere Bürger wieder ihren Lebensunterhalt bestreiten können“.

Zwar ist das Vorpreschen des Gouverneurs im zweitgrößten US-Staat mit Auflagen verbunden. Geschäfte und Restaurants dürfen nur ein Viertel der üblichen Zahl von Gästen zulassen und in ländlichen Gegenden halb so viele wie sonst. Dennoch ist Clay Jenkins, Bezirksvorsitzender in Dallas County, wo immer mehr Infektionen festgestellt werden, mit der Entscheidung keineswegs einverstanden. „Texaner sollten nicht auf die Politiker, sondern auf die Gesundheitsexperten hören“ meint Jenkins. Die Bürger von Dallas sollten ihr Verhalten „nicht danach ausrichten, was ihnen erlaubt ist, sondern danach, was vernünftig ist“.

   In Lansing, der Haupstadt Michigans, das wegen der hohen Abhängigkeit der Wirtschaft von der Autoindustrie besonders hart betroffen ist, belagerten Hunderte Demonstranten, einige mit Sturmgewehren bewaffnet, das Parlamentsgebäude. Viele trugen Trump-Wahlkampfmützen und forderten in Anlehnung an den Wahlslogan des Präsidenten „Sperrt sie ein, sperrt sie ein!“, seinerzeit eine Anspielung auf Hillary Clinton, die Ablösung der demokratischen Gouverneurin Gretchen Whitmer. Whitmer, die zu Joe Bidens engerer Wahl für eine Vizepräsidentschaftskandidatin zählt, hatte eine Verlängerung der Ausgangsbeschränkungen durchgesetzt.

In Kalifornien demonstrierten Tausende in der Hauptstadt Sacramento und forderten an den beliebten Küstenorten Laguna sowie Huntington Beach die Öffnung der Strände. Zuvor hatte Gouverneur Gavin Newson deren Schließung angeordnet. Er hatte damit auf Bilder von unzähligen Badegästen reagiert, die sich unter Missachtung sämtlicher Kontaktbeschränkungen auf engstem Raum vergnügten. Proteste gab es auch in Maine, Kentucky, Oregon und anderen Staaten.

Angeheizt wird die Stimmung von keinem Geringeren als dem Präsidenten selbst, dem mit Blick auf die eigene Wiederwahl vor allem jene 30 Millionen Menschen Sorgen machen, die während der letzten sechs Wochen ihren Arbeitsplatz verloren haben. Trump plädiert ungeachtet des Rats seiner eigenen Experten seit Wochen für eine rasche Öffnung der Wirtschaft. Via Twitter hatte der Präsident Demonstranten sogar aufgefordert, von ihrem Recht, eine Waffe tragen zu dürfen, Gebrauch zu machen.

    Zum Beraterteam des Präsidenten gehört der angesehene Immunologe Anthony Fauci, der nicht zögert, Trump öffentlich zu widersprechen. „Wenn wir voreilig handeln und die Rückkehr zum Normalbetrieb übers Knie brechen, dann birgt das riesige Gefahren“, warnt der Mediziner. Eine zweite Welle von Erkrankungen könnte demnach sogar folgenschwerer sein als die erste, ist Fauci überzeugt. Vorn Trump gehört wird er  nicht. Peter DeThier