Washington / Peter De Thier Die Corona-Krise fordert noch immer viele Todesopfer. Doch der Präsident setzt auf die rasche Rückkehr in den Alltag.

In den USA ist die Zahl der Corona-Erkrankungen wieder deutlich gestiegen. Warnungen von Experten, wonach eine zweite Infektionswelle bevorstehen könnte, führten zum tiefsten Kurssturz seit Beginn der Krise. Dennoch tut Präsident Donald Trump alles, um eine Nation, die sich von den Unruhen im Gefolge der Tötung des Afroamerikaners George Floyd zu erholen versucht, weiter zu spalten.

Die Zahlen sprechen Bände: Mehr als zwei Millionen Erkrankungen und 115 000 Tote hat die Gesundheitsbehörde Center for Disease Control (CDC) mittlerweile in den USA festgestellt. Jüngsten Schätzungen zufolge werden bis zum Herbst mehr als 170 000 Menschen an der Pandemie gestorben sein. 15 US-Bundesstaaten, die dem Drängen des Weißen Hauses nachgaben und wieder zum Alltag zurückkehrten, beklagen nun einen steilen Anstieg der Corona-Fälle.

Viele Politiker, vorwiegend im republikanisch beherrschten Süden, sind verzweifelt. Kate Gallego, Bürgermeisterin von Phoenix, wo die Infektionen vergangene Woche um 93 Prozent anzogen, meint, dass „wir voreilig wieder zum Alltag zurückgekehrt sind“, von Ausgangssperren praktisch über Nacht zur Öffnung von Schwimmbädern und Nachtklubs. Das Chaos begründet sie mit widersprüchlichen Signalen, die von Politikern ausgehen, vor allem dem Präsidenten.

Feiern im prallvollen Saal

Während das CDC und andere Experten zur Vorsicht mahnen, bedankte sich Vizepräsident Mike Pence in einem prallvollen Saal bei Mitarbeitern von Trumps Wahlkampagne. In demonstrativer Missachtung sämtlicher Kontaktbeschränkungen standen hunderte Menschen ohne Masken dicht nebeneinander.

Gleichzeitig goss Trump, der ohne Rücksicht auf die Gesundheitsrisiken unermüdlich die Rückkehr zu „business as usual“ fordert, weiteres Öl in Feuer. Er kündigte seine erste große Wahlkampfveranstaltung für den 19. Juni in Tulsa, Oklahoma, an. Ein symbolträchtiges Datum, das das Ende der Sklaverei in den USA feiert und als „Unabhängigkeitstag“ der Afroamerikaner angesehen wird. Zudem waren in Tulsa vor 99 Jahren mehr als 300 Schwarze bei einem Massaker ums Leben gekommen. Zuvor hatte sich Trump geweigert, Militärstützpunkte mit den Namen von Südstaatengenerälen, die seinerzeit für Rassentrennung eintraten, umzubenennen.

Trumps Gesten zeigten „nichts als offenkundigen Rassismus“, sagte der demokratische Kon­gressabgeordnete Al Green. Aus ­seiner Sorge darüber, wieweit Trump gehen könnte, um seine Wiederwahl sicherzustellen, macht auch der demokratische Spitzenkandidat Joe Biden keinen Hehl: Trump werde „versuchen, die Wahl zu stehlen“ und müsste bei einer Niederlage wohl vom Militär entfernt werden.

Peter De Thier