Washington / Peter DeThier Mediziner warnen vor den verheerenden Folgen einer zu schnellen Lockerung der Corona-Beschränkungen. Doch der Präsident setzt weiter auf eine möglichst rasche Belebung der Wirtschaft. Von Peter DeThier

Die Coronavirus-Pandemie breitet sich in den USA weiter aus, auch in den bisher weitgehend verschonten ländlichen Gegenden. Trotzdem fährt die Wirtschaft vielerorts wieder hoch. Neue Studien sagen voraus, dass aufgrund der mangelnden Einhaltung von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen bis Anfang Juni täglich bis zu dreitausend Amerikaner sterben könnten. Die Johns-Hopkins-Universität und die Universität von Washington rechnen mit insgesamt 135 000 Todesopfern in den USA. Bis Donnerstag waren 73 000 Menschen an den Folgen der Erkrankung gestorben.

    Obwohl das Dokument seit Tagen auch dem Weißen Haus vorliegt, will Präsident Donald Trump von den düsteren Szenarien nichts wissen. „Die Voraussagen beruhen auf der Annahme, dass keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden“ sagte er. Die USA würden mehr Corona-Tests durchführen als jede andere Nation.

    Doch die Realität ist eine andere. Die Studien berücksichtigen durchaus vorhandene Kontaktbeschränkungen und andere Maßnahmen. Aus dem Bericht leitet die Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control (CDC) beängstigende Prognosen ab: Bis kommenden Monat könnten die Infektionen von derzeit 25 000 auf 200 000 pro Tag klettern.

   Was die Tests angeht, so nimmt sich deren Zahl in Relation zur Gesamtbevölkerung bescheiden aus. Bisher sind zwei Prozent aller Amerikaner getestet worden. Folglich glauben Gesundheitsexperten, dass die Dunkelziffer, sowohl was Infektionen als auch Todesopfer angeht, deutlich höher liegen könnte.

   Unterdessen konzentriert sich der Präsident auf den Wahlkampf. Die Demokraten seien so sehr darauf bedacht, ihn am 3. November zu besiegen, „dass sie bereit sind, mehr Todesopfer in Kauf zu nehmen“, behauptet er. Allerdings ist es kein geringerer als der Präsident selbst, der seit Wochen die Gouverneure dazu drängt, wieder zum Normalbetrieb zurückzukehren. Dabei haben nur die wenigsten der 38 Staaten, die ihre Beschränkungen gelockert haben, Trumps eigene Voraussetzungen dafür erfüllt, – nämlich 14  Tage  rückläufige Erkrankungen.

„Gewaltige Risiken“

Der Präsident begründet den Widerspruch damit, dass er „den Gouverneuren Freiheiten lassen will“. Trumps größte Sorge sind mit Blick auf die Wahl nämlich Massenentlassungen und ein dramatischer Anstieg der Arbeitslosenquote, die am Freitag für April veröffentlicht wird. Ökonomen sagen einen Anstieg von 4,4 auf 15 bis 20 Prozent voraus.

   Trump scheint es wenig zu interessieren, dass Mediziner eine voreilige Öffnung der Wirtschaft ablehnen. So meint der Immunologe Anthony Fauci, dass die voreilige Aufhebung von Restriktionen „gewaltige Risiken mit sich bringt“. Die Ärztin Deborah Birx, ebenfalls im Beraterteam des Präsidenten, nannte Bilder von Menschenmengen, die sich wieder an Kaliforniens und Floridas Stränden oder in New Yorks Central Park tummeln, „erschreckend“. Trump aber weist deren Rat nicht nur zurück, sondern hat ihnen obendrein verboten, vor dem Repräsentantenhaus über die Gefahren der Pandemie auszusagen. Angesichts des tiefen Spalts zwischen einem Präsidenten sowie zahlreichen Gouverneuren, die den Rückkehr zum Alltag übers Knie brechen wollen, und den behutsam handelnden Experten schlägt Patrice Harris, die Vorsitzende des Ärzteverbandes American Medical Association, einen Mittelweg vor. Bei der Frage nach Ausgangsbeschränkungen und der Normalisierung der Wirtschaft „handelt es sich um kein ‚entweder oder‘ Szenario“ ist Harris überzeugt. „Man muss vorsichtig und gemessenen Schrittes vorgehen“, betont die Medizinerin. „Das kann Todesfälle verhindern und die Wirtschaft wieder auf Trab bringen.“ Bei dem Tempo, mit dem das Weiße Haus und viele der Staaten jetzt vorgehen, „wird die Zahl der Opfer unweigerlich weiter steigen“, warnt sie.

Studie: Kinder werden schlecht ernährt

Wegen der Coronavirus-Pandemie bekommt laut einer Studie fast jedes fünfte Kind in den USA nicht genug zu essen. In einer Studie der Brookings Institution gaben 17,4 Prozent der Mütter mit Kindern im Alter von bis zu zwölf Jahren an, aus Geldmangel könnten sie ihren Nachwuchs nicht ausreichend ernähren. US-Kinder erlebten derzeit eine „Ernährungsunsicherheit von in der Moderne nie dagewesenem Ausmaß“, heißt es in der Studie.

Seit 2018 hat sich der Studie zufolge die Ernährungsunsicherheit bei US-Haushalten mit Kindern im Alter unter 18 Jahren um rund 130 Prozent erhöht. Die aktuelle Lage sei schlimmer als während der Finanzkrise von 2008. dpa