Washington / Peter DeThier Der Präsident sieht sich durch das Enthüllungsbuch seines ehemaligen Sicherheitsberaters bloßgestellt. Die Demokraten kritisieren: Die Fakten hätten viel früher bekannt sein müssen. Von Peter DeThier

Nach der Veröffentlichung der bisher sensationellsten Memoiren über die Machenschaften der Präsidentschaft von Donald Trump gerät der Verfasser, Trumps ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater John Bolton, von mehreren Seiten unter Beschuss. Der Präsident und seine republikanischen Parteifreunde beschimpfen ihn als Lügner und Verräter, der nach Trumps Ansicht „eine sehr lange Gefängnisstrafe absitzen sollte“.

Die Demokraten sind aber auch nicht glücklich. Einerseits lässt Boltons Buch „The Room Where it Happened“ vier Monate vor der Wahl Trump in einem denkbar schlechten Licht dastehen. Sie meinen allerdings, dass der Karrierediplomat an seinem Werk nicht Millionen verdienen, sondern bereits während der Impeachment-Anhörungen hätte auspacken sollen. Um die Kritik schert sich der Autor nicht im geringsten, er hat für alles eine Erklärung parat.

Privat-Deal mit Xi?

Beim G20-Gipfel 2018 in Buenos Aires will Bolton gesehen haben, wie Trump „zustimmend nickte“, als Chinas Staatspräsident Xi Jinping die Überzeugung äußerte, dass in den USA zu häufig gewählt wird. Trump habe mit der typischen Bezugnahme auf willkürliche Quellen geantwortet, „viele Leute sagen, dass in meinem Fall die Begrenzung der Präsidentschaft auf zwei Amtsperioden aufgehoben werden sollte“. Auch fehlt es nicht an Beispielen des Amtsmissbrauchs. Im darauffolgenden Jahr in Osaka, wollte Trump mit Xi einen privaten „Deal“ machen: Wenn China mehr Sojabohnen und Weizen aus den USA kauft, was Trump Stimmen der für ihn wichtigen Agrarlobby bringen würde, dann werde er auf die Anhebung der Zölle für chinesische Importe in die USA verzichten – so forderte er Xi zur Wahlmanipulation auf.

Es ging aber nicht nur um dreiste Manipulation. Auch knöpfte sich der Präsident wiederholt seinen bevorzugten europäischen Prügelknaben vor, nämlich die Bundesrepublik. Bei einem Telefonat mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beschwerte sich Trump über den „furchtbaren Nato-Partner Deutschland“. Kanzlerin Angela Merkel beschimpfte er als „eine der größten Stepptänzerinnen“ in dem nordatlantischen Verteidigungsbündnis.

Zudem wetterte er gegen die deutsche Weigerung, sich an dem Vergeltungsschlag zu beteiligen, nachdem Syriens Präsident Baschar al-Assad Giftgas gegen Zivilisten eingesetzt hatte. Auch war ihm Nord Stream 2 ein Dorn im Auge. Wenn Berlin das Pipeline-Projekt mit Moskau durchzieht und „Milliarden an Russland zahlt, dann sind wir draußen“ kokettierte Trump erneut mit einem US-Austritt aus der Nato.

Amtsmissbrauch wirft der ehemalige Sicherheitsberater Trump auch im Umgang mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und Russlands Präsident Wladimir Putin vor. Demnach habe Erdogan den Präsidenten gebeten, Ermittlungen der New Yorker Staatsanwaltschaft gegen ein türkisches Unternehmen einzustellen. Darauf soll Trump gesagt haben, dass es sich dort „nicht um meine Leute handelt“ sondern der Staatsanwalt vom ehemaligen Präsidenten Barack Obama ernannt wurde. Trotzdem werde er sich „darum kümmern“. Vergangene Woche löste der Präsident das Versprechen tatsächlich ein, als er nämlich den einflussreichen New Yorker Staatsanwalt Geoffrey Berman vor die Tür setzte.

Dass er seine sensationellen Enthüllungen nicht schon während der Kongressanhörungen zu Trumps Amtsenthebung ans Tageslicht brachte, begründet Bolton gelassen. „Was ich erlebt habe, hätte im republikanisch beherrschten Senat nichts geändert“, sagt er und wirft den Demokraten Versäumnisse bei den Ermittlungen vor. Diese hätten sich nicht nur auf die Einbindung der Ukraine zur Wahlmanipulation beziehen, sondern deutlich weiter gehen müssen, sagt er. Das wiederum lassen die Demokraten nicht gelten. Bolton habe die „Nation im Stich gelassen, als ihn diese am meisten brauchte, und verkauft stattdessen Bücher“, schimpft der demokratische Abgeordnete Mike Quigley. Man solle das Buch deswegen nicht kaufen, „sondern sich in der Bibliothek ausleihen“.

Experten: Details sind glaubwürdig

Bücher über zwielichtige Abläufe in den knapp dreieinhalb Jahren der Präsidentschaft von Donald Trump gibt es jede Menge. Kein Autor außer John Bolton hatte aber faktisch den Rang eines Kabinettsmitglieds, das in der Position des Nationalen Sicherheitsberaters 17 Monate lang Entscheidungen des mächtigsten Mannes im Lande beeinflussen konnte. Obwohl Donald Trump das Buch als Serie von „fabrizierten Geschichten“ geißelt, sind Experten deswegen überzeugt, dass die Schilderungen akkurat sind, weil sie exakt mit Verhaltensmustern und Ereignissen übereinstimmen, die der Präsident der Weltöffentlichkeit fast täglich vor Augen führt. dth