Beirut / Martin Gehlen Der Bankenkollaps treibt mehr und mehr Menschen in dem Land in Hunger und Armut.

Der Libanon, einst gepriesen als „die Schweiz des Orients“, steckt in der schlimmsten Staatskrise seit Ende des Bürgerkrieges 1990. Die Währung befindet sich im freien Fall. Gehälter, Renten und Ersparnisse haben seit vergangenem Oktober 85 Prozent ihrer Kaufkraft verloren. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt mittlerweile in Armut. Quer durch das Land lassen sich Menschen vor ihren leeren Kühlschränken fotografieren. Die Angst vor einer Hungersnot geht um.

Ausgelöst wurde die Megakrise durch den Kollaps des Bankensektors, über den die politischen und wirtschaftlichen Eliten jahrzehntelang ihre eigene Nation ausplünderten. Staatsanleihen finanzierte die Libanesische Zentralbank über die 65 örtlichen Privatbanken, die dafür exorbitante Zinsen kassierten. Dieses Schneeballsystem machte einheimische Finanz-Oligarchen reich und lockte einen ständigen Strom ausländischer Devisen an. Heute gehört der Libanon mit 170 Prozent des Bruttosozialprodukts zu den Rekordschuldnern des Globus.

Als der toxische Devisenzufluss im letzten Herbst plötzlich versiegte, brach das finanzielle Kartenhaus zu­sam­men­. Experten schätzen, dass sich mehr als 80 Prozent der privaten Dollarguthaben in Luft aufgelöst haben.

Jetzt soll der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Land mit einem zehn Milliarden Dollar Kredit beispringen. Dessen ­Sanierungsexperten verlangen harte Einschnitte, vor allem, dass die 930 Großprofiteure den Löwenanteil der Bankenverluste tragen und nicht die 2,7 Millionen normalen Sparer. „Die Gespräche sind schwierig“, erklärte IWF­-Chefin Kristalina Georgieva.

Präsident Michel Aoun rief die politische Elite zu einem Krisentreffen zusammen. Doch mehrere frühere Premierminister boykottierten die Runde und sprachen von Zeitverschwendung.

Über dem Land liege ein „Klima von Bürgerkrieg“ orakelte der Staatschef nach diesem Debakel. So sieht das auch der Generalmanager des Hotel Bristol, was siebzig Jahre lang zu den Wahrzeichen Beiruts gehörte und selbst während des Bürgerkrieges von 1975 bis 1990 stets geöffnet war. Jetzt schließt er es, „weil wir keine Hoffnung mehr haben auf eine bessere Zukunft”. Martin Gehlen