Berlin / Mathias Puddig / NBR Kaum ein Landesverband steht der neuen Parteispitze so skeptisch gegenüber wie der in Hamburg. Und ausgerechnet dort findet in einem Monat die einzige Landtagswahl des Jahres statt.

Am liebsten würde Peter Tschentscher Berlin ignorieren. Wird der Sozialdemokrat gefragt, was denn in der Hauptstadt so los ist, dann beruhigt er die Wähler, dass er in Hamburg Kurs halte. „Wir haben einen eigenen Kurs“, erklärt er und tut, als zielten solche Fragen nicht auf den Linkskurs von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ab. Tschentscher, der in einem Monat zum Ersten Bürgermeister wiedergewählt werden will, verliert kein schlechtes Wort über das SPD-Führungsduo. Aber auch kein gutes.

Hamburg zeigt, wie schwer es die beiden neuen Parteichefs in weiten Teilen der Partei haben. Die Genossen von der Elbe lassen sich zwar von vielen SPD-Promis unterstützen: Die Ministerpräsidenten Stephan Weil und Manuela Schwesig waren schon da, auch Partei-Vize Kevin Kühnert hatte einen Termin an der Elbe.

Keine Zeit für die Chefs

Für Auftritte von Esken und Walter-Borjans haben die Wahlkämpfer hingegen keine Termine gefunden. „Wir konnten sie schon deshalb gar nicht einplanen, weil ja nicht klar war, welches Duo den Bundesvorsitz übernimmt“, redete sich Tschentscher um den Jahreswechsel raus und betonte: „Wir haben unsere Wahlkämpfe aber auch 2011 und 2015 ohne Bundespolitiker und sehr eigenständig geführt.“ Kurz darauf begrüßte Tschentscher die Genossin und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey beim Neujahrsempfang.

Für das Führungsduo ist das ungünstig. Geht Hamburg verloren, fällt das unweigerlich auf die beiden zurück. Zwar glaubt niemand, dass die SPD auch nur annähernd an die 46 Prozent kommt, die die Partei vor fünf Jahren holen konnte. Richtig schlimm würde es allerdings werden, wenn die SPD nur zweitstärkste Kraft wird und dann unter einer Grünen-Bürgermeisterin Katharina Fegebank mitregieren müsste.

Doch auch das Gegenteil würde Esken und Walter-Borjans wenig bringen. Denn gelingt der Hamburg-SPD ein Sieg, können ihre Kritiker das als Beleg sehen, dass die SPD mit bodenständiger und wirtschaftsnaher Politik doch noch Wahlen gewinnen kann.

Große Teile der Bundestagsfraktion beobachten das Agieren der Parteichefs ohnehin mit Skepsis. Sie werden es deshalb gern hören, wenn der Hamburger Spitzenkandidat Tschentscher den beiden etwa bei der Frage nach der Schwarzen Null widerspricht. „Wir dürfen uns nicht zulasten der kommenden Generationen weiter verschulden“, sagte der 58-Jährige in dieser Woche der „Welt“. Und auch dem Vizekanzler Olaf Scholz, der bei der Mitgliederabstimmung um den Parteivorsitz unterlegen war, stärkt Tschentscher den Rücken. Gefragt, ob er ihn für einen geeigneten Kanzlerkandidaten halte, sagte Tschentscher dem „Spiegel“: „Ja, unbedingt.“ Mathias Puddig