London / Von Jochen Wittmann Angefacht von den Anti-Rassismus-Kampagnen in den USA gehen auch immer mehr Briten auf die Straße und prangern falsche Vorbilder an. Von Jochen Wittmann

Großbritannien bereitet sich auf ein heißes Wochenende vor. Die Demonstrationen gegen Rassismus und Diskriminierung, die unter dem BLM-Motto von „Black Lives Matter“ (Schwarze Leben zählen) stattfinden, werden immer zahlreicher. Gleichzeitig rufen rechtsradikale Organisationen wie die „English Defence League“ zu Gegendemonstrationen auf. Der Londoner Bürgermeister Zadiq Khan befürchtet, dass es am Wochenende in der Hauptstadt zu gewalttätigen Konfrontationen kommen wird und beschwört Demonstranten, „zu Hause zu bleiben und die Rechtsradikalen zu ignorieren“. Vorsichtshalber wurde in London das Denkmal von Winston Churchill eingeschalt. Am letzten Wochenende hatten Demonstranten das Monument des Kriegspremiers mit dem Wort „Rassist“ besprüht.

Es ist die Stunde der Denkmalsstürmer. Im südenglischen Bristol wurde am Sonntag die Statue von Edward Colston vom Sockel gerissen und unter Jubel im Hafenbecken versenkt. Colston war ein Sklavenhändler.

Colstons Sturz löste einen Domino-Effekt aus. Waren die ersten BLM-Demos noch Solidaritätsaktionen zum Tode des US-Amerikaners George Floyd, so entwickelten sie sich schnell zu Protesten gegen den Rassismus im eigenen Land und insbesondere gegen die kolonialistische Vergangenheit. Großbritannien hat nie kollektiv diese dunkle Seite der nationalen Geschichte aufgearbeitet. Überall gibt es Statuen von Personen, die in den Sklavenhandel verwickelt waren. Viele Kommunen beginnen jetzt zu überprüfen, welche von ihnen entfernt werden sollen. Die Organisation „Topple the Racists“ hat eine Liste von 78 Denkmälern und Straßennamen veröffentlicht und verlangt deren Entledigung.

Den Anfang machte der Bürgermeister von London Zadiq Khan, der die Statue des Sklavenhändlers Robert Milligan demontieren ließ: „Es ist eine traurige Wahrheit, dass wir eine Menge unseres Reichtums dem Sklavenhandel verdanken. Aber das müssen wir nicht auch noch auf unseren öffentlichen Plätzen feiern.“

Im rechten Lager provoziert das Gegenreaktionen. Hooligans und Rechtsextreme haben laut „Times“ Sympathisanten dazu aufgerufen, die Denkmäler zu schützen. Am Wochenende planen sie einen Marsch in London. In Großbritannien ist ein Kulturkampf neu entbrannt: in der einen Ecke die linken, meist jungen, urbanen, multikulturellen Demonstranten, in der anderen Ecke zumeist weiße, ältere, rechtslastige Brexit-Befürworter.

Einst geehrt als Bristols großer Wohltäter

Edward Colston, dessen Statue im Bristoler Hafenbecken landete, war im 17. Jahrhundert ein hochrangiger Vertreter der Royal African Company, die hunderttausende Männer, Frauen und Kinder aus Westafrika versklavte. Gleichzeitig unterstützte er Schulen, Krankenhäuser und Armenhäuser in Bristol mit viel Geld und machte sich einen Namen als Wohltäter. Deshalb wurde ihm ein Denkmal gesetzt. afp