Berlin / Mathias Puddig NBR Fast 100 Forscher werben für mehr Tempo bei Schul- und Kita-Öffnungen und legen einen Drei-Phasen-Plan vor.

92 Bildungsforscherinnen und -forscher haben vor den gravierenden Folgen der Schulschließungen gewarnt. Sie fürchten, dass nicht nur weniger neues Wissen vermittelt wird, sondern ganze Bildungskarrieren verzögert werden, schreiben sie im Appell „Bildung ermöglichen!“. Die Experten warnen vor den langfristigen Folgen: Pro verlorenem Schuljahr fehlen Beschäftigten zwischen sieben und zehn Prozent Gehalt. Zudem schwinden Karrierechancen, und traditionelle Rollenmuster in den Familien erstarken wieder.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, schlagen die Experten ein Drei-Phasen-Modell vor. Zunächst müsste sichergestellt werden, dass alle Schüler am Distanzlernen teilhaben können. „Die Schulpflicht ... muss auch in der Pandemiezeit nachweisbar eingehalten werden“, fordern sie. Dafür sei persönlicher Kontakt zwischen Lehrern und Schülern – per Telefon oder Videokonferenz – unerlässlich.

In Phase zwei soll der Präsenzunterricht in Kleingruppen organisiert werden, ebenfalls für alle. Um das zu ermöglichen, müssten Schicht-Konzepte erarbeitet werden. In der dritten Phase schließlich sollen die Bildungspläne des kommenden Schuljahres angepasst werden. Die normalen Lehrpläne seien nicht erfüllbar, urteilen die Bildungsforscher bereits jetzt.

Sie haben ihr Konzept rechtzeitig vorgelegt, bevor sich an diesem Mittwoch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Länder auch über das Vorgehen an den Schulen berät. Schulen und Kitas sind seit März geschlossen. Zwar versuchen die Länder, einen Notbetrieb sicherzustellen und die Abschlussprüfungen durchzuführen. Eine Rückkehr zur Normalität ist allerdings nicht in Sicht. „Die Ausnahmesituation wird bis weit in das nächste Schuljahr andauern“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) in der vergangenen Woche.

Unsicherheit abbauen

Die 92 Bildungsforscher verlangen, wenigstens die Unsicherheit von Schülern, Eltern und Pädagogen zu beenden, indem Strategien und Konzepte besser kommuniziert werden. Darin werden sie von weiteren Bildungsexperten unterstützt. „Was nicht funktioniert, ist, dass man sich von Tag zu Tag hangelt und die Eltern und Schüler nicht wissen, woran sie sind“, beklagte jüngst Pädagogik-Professorin Birgit Eickelmann. Mathias Puddig