Berlin / Mathias Puddig Als die 360-Seiten-Analyse verfasst wurde, war von Corona noch keine Rede. Doch zentrale Probleme zeichneten sich schon ab. Von Mathias Puddig

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat gar nicht erst versucht, schlechte Nachrichten schönzureden. „Die letzten Wochen waren für alle sehr anstrengend“, sagte sie am Dienstag bei der Vorstellung des Bundesbildungsberichts 2020. Die Corona-Krise sei ein Feldversuch für die Bildung gewesen, der die Schwächen des Systems deutlich gemacht habe. Die Probleme, die durch die Pandemie entstanden sind, kann der Bericht zwar noch gar nicht berücksichtigt haben. Trotzdem unterlegt er die jetzt offen liegenden Schwächen empirisch. Drei Beispiele:

Die Schulen hinken der Digitalisierung hinterher. Während schon im Jahr 2018 fast jeder Schüler zwischen 12 und 19 Jahren ein Smartphone besaß, wurden digitale Medien in erster Linie außerhalb des Unterrichts genutzt. Nicht einmal jeder vierte Achtklässler nutzte digitale Medien in der Schule. Ein Grund dafür ist die Ausstattung der Schulen, ein weiterer sind die Lehrer. Nur jeder Dritte glaubte, dass digitale Medien die Leistungen verbessern können. Die Folge: Diese Kompetenzen blieben auf der Strecke. 33 Prozent der Achtklässler erreichten lediglich die geringste Kompetenzstufe.

Das Elternhaus spielt eine große Rolle für den Bildungserfolg. Zwar betonte Karliczek, dass die Bildung der eigenen Kinder für viele Eltern immer wichtiger wird. Gleichzeitig schreiben die Studienautoren jedoch: „Die Bildungserfolge der Kinder stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der sozioökonomischen Situation der Familie.“ Vor allem beim Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule hängt viel vom familiären Hintergrund ab. Gleichzeitig wird das System jedoch durchlässiger. Bildungsentscheidungen werden häufiger korrigiert – meist nach oben. „Die Fortschritte, die der Bildungsbericht ausweist, bleiben gleichzeitig unsere größten Baustellen: Chancengerechtigkeit, Durchlässigkeit und Aufstiegsorientierung“, sagte KMK-Präsidentin Stefanie Hubig (SPD).

Die Sorge vor einer Krise der beruflichen Bildung wächst. Wie sich die Krise auf Azubis auswirkt, ist noch gar nicht abzusehen. Probleme gab es allerdings schon vorher. Vor allem sogenannte Passungsprobleme bereiten den Studienautoren Sorgen, also die Tatsache, dass Ausbildungsstellen frei sind  und trotzdem Jugendliche leer ausgehen, entweder weil sie am falschen Ort sind, nicht ausreichend qualifiziert sind oder andere Interessen haben als der Markt hergibt. Die Folge: Schon vor Corona hatte jeder Zehnte in Deutschland keinen Berufsabschluss. Die Sorge ist da, dass die Zahl in der Krise weiter wächst.

Prämie für ausbildende Betriebe

Damit aus der Corona-Krise keine Ausbildungskrise wird, will das Bundeskabinett bei seiner heutigen Sitzung die Einführung einer Ausbildungsprämie beschließen. Mit bis zu 3000 Euro sollen kleine und mittelständische Betriebe belohnt werden, die von der Krise betroffen sind und trotzdem weiter ausbilden. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier appellierte am Dienstag gemeinsam mit den Sozialpartnern an die Unternehmen, ihr Engagement für die Ausbildung fortzusetzen. mpu