Berlin / Dieter Keller und Thomas Veitinger Nach der Pleite des Dax-Konzerns muss sich der Finanzminister viele Fragen gefallen lassen: Hat er zu spät reagiert? Von Dieter Keller und Thomas Veitinger

Aktueller Sachstand zu den Vorkommnissen bei der Wirecard AG“ heißt der einzige Tagesordnungspunkt des Finanzausschusses des Bundestags, wenn er sich am Mittwoch um 16 Uhr mitten in der Sommerpause zu einer Sondersitzung trifft. Hinter dem dürren Satz verbirgt sich ein Wirtschaftskrimi über die Milliardenpleite eines Dax-Konzerns, der immer neue Facetten gewinnt. Vieles klingt unglaublich. Kein Wunder, dass Ufa-Chef Nico Hofmann schon plant, den Skandal zu verfilmen. Angesichts des Umfangs der Geschichte bietet sich eine Serie an.

Eine wesentliche Rolle kommt dabei Olaf Scholz (SPD) zu, der vor dem Finanzausschuss im Zentrum steht. Da soll der Bundesfinanzminister erklären, wer in der Bundesregierung wann was wusste und ob die staatliche Aufsicht versagt hat, für die er verantwortlich ist.

Wirecard ist in Erfolg und Niedergang ganz ein Unternehmen des 21. Jahrhunderts. 1999 schreibt es sich noch „Wire Card AG“ und erhält von einem Wagniskapitalgeber vier Millionen D-Mark. Ein traumhafter Aufstieg beginnt. Die Start-up-Firma gilt als deutsche Antwort auf amerikanische Unternehmen wie Amazon, Google und Facebook, die auch quasi aus dem Nichts entstehen und dank des Internets zu Giganten werden. Zwischenzeitlich ist der deutsche Zahlungsdienstleister aus einem kleinen Vorort von München an der Börse mehr wert als die Deutsche Bank und will diese sogar übernehmen.

Mit krimineller Energie

Dann beginnt sein Fall, langsam, schließlich immer schneller – bis zur totalen Auflösung. Nicht naiv waren die Chefs, sondern spätestens seit 2015 kriminell, als klar wurde, dass das Geschäft Verluste bringt, wirft ihnen heute die Staatsanwaltschaft München vor. Möglicherweise wird Wirecard zum größten Betrugsskandal der Nachkriegsgeschichte. Mehr als drei Milliarden Euro sind wohl für immer weg.

Es bleibt die Erkenntnis wie bei vielen Unternehmen der New Economy: Lug, Trug und Blendwerk reichen für kurzfristigen Triumph. Zweifel müssen hintan stehen, wenn ein Unternehmen scheinbar Erfolg hat. Je größer der Gewinn, je schwindelerregender der Aktienkurs, desto größer die Bereitschaft, Unstimmigkeiten zu ignorieren. Das Internet gilt als Möglichkeit, gigantisch erfolgreich zu werden. Weil die Produkte meist virtuell sind, basieren die Geschäftsideen oft auf Vertrauen.

Hätte nicht ein halbwegs begabter Rechner sehen müssen, dass Wirecard bei Kreditkartenzahlungen in Deutschland nur einen Marktanteil von unter fünf Prozent hatte? Wie passt das zu dem stürmischen Wachstum, das Jahr um Jahr gemeldet wurde? Die „Financial Times“ berichtete seit 2015 über Ungereimtheiten, Auffälligkeiten in der Buchhaltung und aufgeblähte Bilanzen. Aber der Glaube an die Zahlen im Jahresabschluss war größer.

Es war ein Schneeballsystem: Die erlogene wirtschaftliche Macht führt mit Hilfe der Politik, testierter Abschlüsse, aufgekaufter Firmen, der Hoffnung der Aktienbesitzer und Analysten zu noch größerem Erfolg – bis alles platzt. Ein Husarenstück, das im Dreck endet und den Finanzplatz Deutschland beschädigt.

Die Münchner Staatsanwaltschaft geht mittlerweile von „gewerbsmäßigem Bandenbetrug“ seit 2015 aus. Ex-Vorstandschef Markus Braun sitzt genauso hinter Gittern wie der frühere Finanzvorstand Burkhard Ley und der ehemalige Chef der Buchhaltung. Nach dem flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek, der eine Schlüsselposition im Finanzskandal hat, wird gesucht.

Lange gelang es Wirecard erfolgreich, durch die Maschen der staatlichen Aufsicht zu rutschen. Dafür wäre eigentlich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht da, kurz Bafin genannt, und die untersteht dem Finanzministerium. Doch der Konzern wurde als Technologiekonzern und nicht als Finanzholding eingestuft, weshalb die Bafin nur ihre Tochter Wirecard Bank prüfte – ein schwerer Fehler, wie Bafin-Chef Felix Hufeld heute weiß. Er spielt den Ball an den Gesetzgeber weiter: Der sei in der Pflicht, Tech-Unternehmen besser zu regulieren.

Damit muss sich Scholz fragen lassen: Wann wussten er und sein Ministerium was, und warum haben sie nicht gehandelt? Nach einer umfangreichen Chronologie des Hauses wurde der Minister erstmals am 19. Februar 2019 offiziell über Ungereimtheiten informiert und danach mündlich auf dem Laufenden gehalten.

Und wenn es schon gravierende Verdächtigungen gab, dass da etwas nicht ganz geheuer war – warum setzte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einer China-Reise im Herbst 2019 dafür ein, dass Wirecard eine chinesische Firma übernehmen darf? Es ist zwar üblich, dass Regierungschefs das tun. Aber das Kanzleramt hätte gewarnt sein müssen. Danach hätte der Linken-Finanzexperte Fabio De Masi zu gern Merkel oder zumindest einen Vertreter des Kanzleramts gefragt. Doch Union und SPD blockten das ab.

So kommt aus dem Kabinett neben Scholz nur Wirtschaftsminister Peter Altmaier in den Ausschuss. Hauptgrund: Die SPD versucht als Entlastungsangriff gegen ihren Minister und potenziellen Kanzlerkandidaten, auch den Christ­demokraten ein Stück Schuld zu geben. Bisher hat er sich so gut wie nicht gewehrt.

Dass der Opposition die Aussagen von Scholz ausreichen, ist unwahrscheinlich. Sie brennt darauf, den Skandal in einem Untersuchungsausschuss aufzuklären. Um das zu beschließen, reicht ein Viertel der Abgeordneten, was FDP, Linke und Grüne leicht schaffen. So drohen jede Menge Fortsetzungen – im Bundestag und vor ordentlichen Gerichten.

Zu kleine Gebühren

Zahlungsabwickler sind eher unbekannt – wenn sie nicht gerade Wirecard heißen. Vielleicht weil sie unsichtbar zwischen Banken und Händler stehen und Bezahlvorgänge etwa über Handy ermöglichen und absichern. Payment-Plattformen wie Adyen erhalten dafür von beiden Seiten kleine Gebühren. Vermutlich waren die Umsätze bei Wirecard zu klein für das, was das Unternehmen vorgab zu sein, und weit von prognostizierten Zahlungen von 210 Miliarden Euro im Jahr 2020 entfernt. Den Konzernumsatz gab das Unternehmen 2019 mit 2,8 Milliarden Euro an. vt