Moskau/Warschau / Dietrich Schröder Präsident Wladimir Putin wiederholt Vorwürfe in Richtung der polnischen Regierung: Das Land trage Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Von Dietrich Schröder

Es war nicht nur eine unerwartete, sondern auch noch eine dreifach wiederholte Attacke. Bereits bei seiner großen Jahrespressekonferenz am 19. Dezember hatte Russlands Staatschef Wladimir Putin überraschend  Polens historische Rolle im Jahr 1938 zum Thema gemacht. Man müsse das Land daran erinnern, dass es das Münchner Abkommen, mit dem Großbritannien, Frankreich und Italien seinerzeit akzeptierten, dass Hitlerdeutschland die tschechischen Sudetengebiete für sich beanspruchte, dazu genutzt habe, um selbst einen Teil der Tschechoslowakei zu besetzen.

Tatsächlich hatten polnische Truppen nur drei Tage nach dem Abkommen vom 30. September 1938 das sogenannte Teschener Land in Schlesien besetzt. Daraus wurde der polnische Landkreis Cieszyn gebildet. Putin interpretierte diese Episode, die nur bis zum deutschen Überfall am 1. September 1939 anhielt,  als einen Beleg dafür, dass Polen eine Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs trage.

Nur einen Tag nach der Pressekonferenz legte der Kreml-Führer auf einem Treffen der von Russland geführten Eurasischen Staatengemeinschaft weitere „Belege“ für diese Theorie vor. Jozef Lipski, der von 1933 bis 1939 polnischer Botschafter in Berlin war, habe vehement Hitlers ursprüngliche Idee unterstützt, die Juden aus den europäischen Ländern nach Afrika umzusiedeln. Laut Putin habe Lipski den Deutschen sogar versprochen, dass man in Warschau ein Denkmal zu Ehren Hitlers errichten werde, falls der Plan mit den Juden in die Tat umgesetzt würde.

Doch damit immer noch nicht genug: Auf einer Sitzung der Spitze des russischen Verteidigungsministeriums, die am 24. Dezember stattfand, bezeichnete Putin Lipski wörtlich als „antisemitisches Schwein“. Und er warf Polen vor, dass das Land bis heute die Geschichte fälsche, „um Stalin und die Sowjetunion in den Dreck zu ziehen, die Polen 1939 nichts weggenommen“ hätten.

In Warschau rätselt man seither über die Ursachen dieser heftigen Attacke. Denn es gilt international als unumstritten, dass der geheime deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, mit dem Nazi-Deutschland und die Sowjetunion Ende August 1939 beschlossen hatten, Polen unter sich aufzuteilen, Hitler freie Hand für den Überfall  auf Polen am 1. September 1939 gab.

Aus Protest gegen die Äußerungen des russischen Präsidenten bestellte das polnische Außenministerium am vergangenen Freitag den russischen Botschafter Sergej Andrejew ein. „Wir sind bereit, Russlands Diplomaten die historische Wahrheit so lange wie nötig zu erklären“, schrieb Vizeaußenminister Marcin Przydacz bei Twitter dazu. Am Sonntag meldete sich dann auch Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki mit einer Erklärung zu Wort. Putin habe schon mehrfach in der Vergangenheit vorsätzlich bezüglich Polens gelogen, heißt es darin. Dies passiere in der Regel immer, wenn Moskau internationalen Druck wegen seiner aktuellen Aktivitäten verspüre.

In den letzten Wochen habe Moskau mehrere Niederlagen erlitten: wegen der amerikanischen Sanktionen im Zusammenhang mit der Erdgasleitung Nord Stream 2, wegen der anhaltenden Doping-Vorwürfe gegen seine Spitzensportler und wegen der Weigerung Weißrusslands, mit Russland noch enger Zusammenzuwachsen.

In der polnischen Öffentlichkeit sieht man zudem den Versuch Putins, kurz vor den im nächsten Jahr anstehenden 75. Jahrestag des Kriegsendes eine negative Deutung der Rolle Russlands  beim Beginn des Krieges abzuwenden. Ein erstes wichtiges Datum, zu dem Präsident Putin von Polen nicht eingeladen worden ist, stellt die Befreiung des früheren deutschen Konzentrationslagers Auschwitz dar, die am 27. Januar 1945 durch sowjetische Truppen erfolgte. Bisher sind nur die Staatsoberhäupter Deutschlands und Israels eingeladen worden.

Polens Opposition sieht in Putins Agieren aber auch den Versuch, der Warschauer Führung ihre wachsende Isolierung innerhalb der Europäischen Union vor Augen zu führen. Die liberale Zeitung „Gazeta Wyborcza“ schrieb am Montag:  Auf einen polnischen Aufruf zur Solidarität wegen der russischen Geschichtsfälschung müssten sich eigentlich mehrere Länder melden: Die baltischen Staaten etwa, Ungarn oder Tschechien. Das Problem bestehe aber darin, dass die Warschauer Regierung nach dieser Solidarität nicht einmal rufe und alle anderen zu den Äußerungen Putins bisher schweigen würden.

Tatsächlich hat sich Polen nicht nur wegen der Verletzung der Rechtsstaatlichkeit  isoliert. Auf dem jüngsten EU-Gipfel Mitte des Monats hatte sich das Land auch als einziges nicht dazu verpflichtet, bis 2050 das Ziel einer klimaneutralen Wirtschaft zu erreichen. Die diplomatische Inkompetenz der Warschauer Führung und ihr Anti-EU-Kurs, so der Kommentar der Zeitung, komme Putin gerade recht, um das Land zu schwächen.

Verbündet zur Aufteilung Polens

Zur Überraschung der internationalen Öffentlichkeit schlossen Nazi-­Deutschland und die Sowjetunion am 24. August 1939 einen Nichtangriffspakt. In einem geheimen Zusatzprotokoll teilten die beiden Staaten Polen untereinander auf. Nachdem Deutschland am 1. September in Polen einmarschierte, folgten wenig später die Sowjets in Ostpolen und im Baltikum. Keine zwei Jahre später startete die Wehrmacht mit dem Unternehmen Barbarossa den Überfall auf die Sowjetunion.