Für ein paar Augenblicke war die kleine Gheriba Khero der Star im Kabinettssaal. Die sechsjährige Jesidin kletterte auf den Stuhl des irakischen Regierungschefs, während sich Premier Mustafa al-Kadhimi zu ihr herabbeugte. „Ich vermisse meinen Vater, und ich will nach Hause zurück“, vertraute ihm das Mädchen an. Ihre Familie stammt aus einem Dorf im Sinjar-Tal. Vater, Bruder und Schwester wurden von Schergen des „Islamischen Staates“ verschleppt, wahrscheinlich sind sie tot. Gheriba Khero kam in IS-Gefangenschaft zur Welt.

Heute lebt sie mit ihrer Mutter in einem Flüchtlingscamp in Dohuk im kurdischen Nordirak. Beide reisten mit einer Delegation nach Bagdad, um an den August 2014 zu erinnern. Damals brach für die Jesiden im Sinjar-Tal die Hölle los. Die IS-Terrormiliz ermordete 5000 Männer und verschleppte 6400 Frauen und Kinder nach Mosul, um sie auf dem Sklavenmarkt zu versteigern. 3500 Opfer konnten bis heute freigekauft werden. 2900 gelten noch immer als vermisst.

Seit Anfang Juni kehren Jesiden nun wieder in größerer Zahl in das Sinjar-Tal zurück. Etwa 15 000 der 360 000 Geflohenen machten sich bisher auf den Weg. „Ich denke, wir haben eine gute Zukunft, wenn jemand für unseren Schutz und unsere Sicherheit sorgt“, sagt einer der Vorreiter, der 58-jährige Saad Hamad Mato. In den Lagern zur Untätigkeit verdammt hätten alle nur über ihre Heimat nachgegrübelt. „Wir waren wie Gefangene, die auf ihre Hinrichtung warten“, sagt er. Doch der Krieg im Jesidengebiet ist nicht zu Ende. Schiitische Milizen treiben sich herum. Attentate des „Islamischen Staates“ nehmen wieder zu. Erst kürzlich bombardierten türkische Kampfjets Stellungen der kurdischen YPG-Milizen im Sinjar-Tal, die Ankara als Terrororganisation betrachtet. Deren Kämpfer hatten 2017 einen erheblichen Anteil an dem Sieg über den „Islamischen Staat“ und unterhalten seitdem dort eigene Militärbasen.

Doch: „Sinjar ist ein Wrack“, bilanziert schockiert eine irakische Besucherin. Überall lauern Sprengfallen versteckt in Kochtöpfen, Handys oder Spielzeug. Der Film „Into the Fire“ dokumentiert die Arbeit junger Jesidinnen, die Landminen entschärfen. Die 28-jährige Hana Khider leitet das Team, das seit 2016 rund 27 000 Minen räumen konnte.

Viele Rückkehrer sind gezeichnet. Vor allem die rund 1900 von der Terrormiliz entführten Kinder zeigen extreme psychische Störungen. Die Verbindungsstraßen zum kurdischen Nordirak sind wegen der Covid-19-Pandemie gesperrt, der Kontakt zu dem psychosozialem Beratungszentrum in Dohuk unterbrochen, wo mit deutscher Hilfe eine erste Gruppe von 28 örtlichen Psychotherapeuten ausgebildet wurde. Martin Gehlen

Info: Filmvideo: „Into the Fire“ https://www.youtube.com/watch?v=F_5Lp6teKd8&feature=youtu.be