Es war ein Brief wie ein Donnerhall. „Ich bin überzeugt, dass wir vor einer fundamentalen Umgestaltung der Finanzwelt stehen“, lautetet der Inhalt eines Schreibens, das Anfang des Jahres auf dem Schreibtisch von Aufsichtsräten und Vorständen weltweit landete. Der Absender war Larry Fink, Chef des US-Finanzgiganten Blackrock. „Jede Regierung, jedes Unternehmen und jeder Anleger muss sich mit dem Klimawandel auseinandersetzen“, mahnte er. Wer das Thema nicht ernst nehme, den werde man „zur Rechenschaft ziehen“.

Spätestens mit diesem Brief rückte eine Entwicklung in den Fokus der Öffentlichkeit, die bisher nur Wenige auf dem Schirm hatten. Klima und Kapital, seit Erfindung der Dampfmaschine ein natürliches Gegensatzpaar, scheinen sich langsam anzunähern. „Dort, wo die Staaten zu langsam oder zu unentschlossen sind, scheint uns das private Kapital mehr und mehr zum Treiber der Energiewende zu werden“, sagt Joachim Schellnhuber, emeritierter Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung.

So wäre allein schon Blackrock, das als weltgrößter Vermögensverwalter 7,4 Billionen Dollar für seine Kunden anlegt (etwa so viel, wie Deutschland in zwei Jahren erwirtschaftet) und an 15 000 Unternehmen beteiligt ist, eine Hausnummer. Aber auch immer mehr Banken, Versicherungen und Fonds legen ihre Milliarden so an, dass Klimarisiken berücksichtigt werden.

Risiken werden thematisiert

Das hat weniger mit Idealismus zu tun als viel mehr mit Geld: In Zeiten von steigenden CO2-Preisen und zunehmenden Klimaauflagen  erscheinen Kredite an Unternehmen mit einem fossilem Geschäftsmodell vielen Instituten nicht mehr als die allerbeste Idee. „Klimarisiken sind längst zu einem finanziellen Risiko geworden“, sagt Daniel Klier, Chefstratege und Leiter für Nachhaltige Finanzen bei der Bank HSBC. Finanzverwalter verlangen deswegen zunehmend Informationen darüber, wie Firmen gedenken, mit Klimarisiken umzugehen. Zwar gilt das noch lange nicht für alle Finanzhäuser: Viele Institute stehen mit solchen Plänen noch ganz am Anfang, wie eine Umfrage der Börsen-Zeitung im März deutlich machte. Doch die Richtung ist bei allen die gleiche, wenn auch mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. „Die Deutsche Kreditwirtschaft steht bereit, die großen Herausforderungen der Transformation aktiv mitzugestalten“, sagt Marija Kolak, Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken und fordert gemeinsame europäische Regeln darüber, was für Geschäfte als nachhaltig gelten können.

Denn die Erderwärmung wartet für Banken und Versicherungen mit gleich mehreren Risiken auf. Einerseits sind da Verluste, die durch Extremwetter entstehen. Rückversicherer wie Munich Re können ein Liedchen davon singen: 150 Milliarden Euro betrugen die Schäden durch Extremwetter 2019, ein Drittel davon war versichert. Überschwemmungen können dabei genauso wie Niedrigwasser Lieferketten beeinträchtigen, was für die gesamte Wirtschaft Folgen hat. Noch gravierender könnten sich jedoch die finanziellen Schäden auswirken, die mit verschärfter Gesetzgebung einhergehen. Wenn energieintensive Unternehmen aus der Stahl- und Chemiebranche oder Energiekonzerne aufgrund strengerer Umweltauflagen ins Straucheln kommen, führt das zu dementsprechenden Verlusten an den Aktienmärkten. Und möglicherweise dazu, dass Banken auf ihren Krediten sitzen bleiben.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s spricht in einem Bericht zu Klimarisiken deswegen sogar von einer „Herausforderung für die Stabilität des Finanzsystems“: Wenn gleich mehrere anfällige Branchen betroffen sind, wie etwa eine Landwirtschaft, die unter Dürrefolgen leidet, dazu der Energie-, Chemie- und Stahlsektor, könnte dies zu einem gefährlichen Dominoeffekt führen. Sogar die Deutsche Bank, der selbst unter den wenig zimperlichen Wall-Street-Wölfen der  Ruf einer gewissen Skrupellosigkeit anhaftet, hat beschlossen, weniger klimaschädigende Geschäfte zu machen. Bis 2025 soll das Engagement im Bereich des Kohleabbaus weltweit beendet werden, teilte der Konzern Ende Juli mit.

Unterstützt wird dieser Trend von einer steigenden Nachfrage nach nachhaltigeren Anlageprodukten: 34 Prozent der Deutschen geben der repräsentativen Umfrage einer Privatbank zufolge an, bei der Geldanlage stärker auf Nachhaltigkeit achten zu wollen. Die Coronakrise verstärkt somit einen Trend, der sich schon länger beobachten lässt: immer mehr Menschen wollen nicht, dass ihr Geld in Rüstung oder Raubbau investiert wird. Laut dem jüngsten Marktbericht des „Forum Nachhaltige Geldanlage“ investierten Anleger 2019 insgesamt 18 Milliarden Euro in entsprechende Anlageprodukte, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Auch der Bund hat auf die hohe Nachfrage reagiert und gibt seit Neuestem „Green Bunds“ heraus – Ökoanleihen, mit denen nachhaltige Projekte finanziert werden sollen.

Nachhaltige Anlagestrategien scheinen dabei nicht nur gut fürs Gewissen zu sein, sondern auch für den Geldbeutel: So schnitten Aktiengesellschaften mit einem hohen Nachhaltigkeitsrating seit Beginn der Pandemie um 3,8 Prozent besser ab als der Gesamtmarkt, während jene mit schlechtem Rating um 7,8 Prozent weniger einbrachten. Blackrock-Chef Fink fühlt sich deswegen bestätigt, wie er in einem Brief an die Aktionäre seines Unternehmens preisgibt: „Die aktuelle Pandemie führt uns vor Augen, wie fragil die Welt ist und welcher Wert in nachhaltigen Portfolios steckt.“