Vier Prostituierte aus einer südrussischen Provinzstadt wollen einen Fitnessklub eröffnen. Sie kriegen Ärger mit den Sicherheitsorganen, mit Zuhältern und Kleinstadtgangstern. Immerhin, ein Polizist, der sie gerade eingesperrt hat, trinkt mit ihnen Schnaps und grinst: „Eins haben wir ja gemeinsam: Niemand kann uns leiden.“

 Die meisten Männer kommen in der russischen TV-Serie „Tschiky gegen die Gewalt“ schlecht weg. Kein Wunder, dass der populäre Achtteiler mit seinem schrägen Witz nicht im Staatsfernsehen zu sehen ist, sondern hinter der Paywall des Kino-Portals more.tv. Aber Olga Barenjez, Petersburger Familienbeauftragte, missgönnt dem Frauenfilm selbst diese Randexistenz. In einer öffentlichen Anzeige fordert sie ein Ordnungsverfahren für more.tv, weil einige Filmszenen doch im Internet zugänglich seien. Die Serie stelle „Propaganda für LGBT und Feminismus“ dar.

Noch ist in Russland Feminismus  – die „Propaganda nichttradioneller sexueller Beziehungen“ – nur unter Minderjährigen strafbar. Aber nach der Verabschiedung von Wladimir Putins Verfassungsänderungen Anfang Juli dröhnen in Russlands Öffentlichkeit nicht nur Anklagen und Schuldsprüche gegen unliebsame Journalisten, Gouverneure oder Menschenrechtler.

In Moskau beginnt demnächst ein Prozess gegen die drei Schwestern Chatschaturjan. Die Teenager hatten 2018 ihren Vater getötet, der sie vorher jahrelang vergewaltigte. Die Anklage lautet weder auf Affekt noch Totschlag, sondern auf geplanten Mord. Gewalttätiges Patriarchat scheint in Russland wieder ein juristisch schützenswertes Gut zu sein. Auch andere der von Wladimir Putin propagierten „traditionellen Werte“ werden von seinem Gefolge forsch interpretiert. Demokratie gehört offenbar nicht dazu. Unlängst verlangte Michail Leontjew, Pressesprecher von Rosneft-Chef und Putin-Intimus Igor Setschin, „jungen Leuten“ das Wahlrecht zu entziehen. Diese hätten von nichts Ahnung.

Mehrere Abgeordnete brachten in der Staatsduma einen Gesetzentwurf ein, der Transgendern künftig Heirat und Kinderadoption verbietet. Es gehe nicht darum, die Interessen der Transgender beschneiden, sondern um das Recht der Kinder, in traditionellen Familie aufzuwachsen, erklärte der Parlamentarier Alexander Baschkin der BBC. Praktisch stellt der Entwurf die Verschärfung einer neuen Verfassungsnorm dar, die gleichgeschlechtliche Ehen ausschließt. Marija Archipowa, Leiterin des Verbandes der Anwälte Russlands für Menschenrechte, spricht gegenüber unserer Zeitung von Faschismus. Putins Russland vollzieht einen neuen Rechtsruck. Stefan Scholl