Washington / Peter De Thier Wo ein Ende der Corona-Auflagen gefordert wird, sind immer öfter bewaffnete Demonstranten zu sehen.

Seit sich die CoronaPandemie in den USA weiter ausgebreitet und mittlerweile mehr als 82 000 Todesopfer gefordert hat, sind sie ebenso häufig zu ­sehen wie die langen Autoschlangen vor tausenden von Tafeln, die an bedürftige Familien Lebensmittel verteilen: Schwer bewaffnete Demonstranten, die auf ­offener Straße, in Lebensmittelgeschäften und selbst Parlamentsgebäuden gegen die Ausgangsbeschränkungen demonstrieren und eine rasche Öffnung der Wirtschaft fordern.

Teilweise handelt es sich um Menschen, die schlichtweg frustriert sind. Genutzt wird die Verzweiflung über den Lockdown aber auch von privaten Milizen, die häufig rechtsradikalen Gruppen angehören, an Verschwörungstheorien über angebliche Komplotte gegen Präsident Donald Trump glauben und die ­Autorität der Staatsgewalt untergraben wollen.

Begonnen hatte der Trend Ende April, als die Organisation „Michigan United for Liberty“ Bürger zur Teilnahme an der „American Patriot Rally“ aufrief. Vor dem Kapitolsgebäude in der Hauptstadt Lansing protestierten Tausende gegen die von Gouverneurin Gretchen Whitmer angeordnete Ausgangssperre. Ignoriert wird dabei, dass schon damals in Michigan fast 3000 Menschen am Virus gestorben waren und die Zahl der Todesopfer mittlerweile bei über 4500 liegt.

Mit von der Partie sind immer die Milizen, die mit Pistolen und Sturmgewehren ausgestattet sind. Unter ihnen ist Jason S. von der „Michigan Liberty Militia“. Davon, dass Bilder von bewaffneten Demonstranten Menschen Angst einflößen und dies kein Weg sei, die Öffnung der Wirtschaft übers Knie zu brechen, will Jason nichts wissen. „Wir haben das Recht, zu arbeiten und Geld zu verdienen“, rechtfertigt sich der junge Mann. „Wenn die Politiker uns dieses Recht absprechen wollen, dann erlaubt uns die Verfassung, eine Waffe zu tragen und uns dagegen aufzulehnen.“

Die bewaffneten Demos in Michigan, dessen Wirtschaft wegen der hohen Abhängigkeit von den Autoherstellern General Motors, Ford und Chrysler besonders stark leidet, haben während der vergangenen Wochen auch in anderen Bundesstaaten Schule gemacht – größtenteils in denen, die 2016 Trump gewählt hatten. Der Präsident fordert nämlich ungeachtet der gesundheitlichen Konsequenzen via Twitter zur „Befreiung“ jener Staaten auf, die in seiner Wahrnehmung zu lange mit der Öffnung der Wirtschaft warten.

Daraufhin zogen in Texas, Pennsylvania, Wisconsin und anderen Staaten Mitglieder privater Milizgruppen auf die Straßen und vor Regierungsgebäude. In Raleigh, North Carolina, machten Mitglieder der Gruppe „Blue Igloo“ Furore. Sie liefen vergangene Woche mit Sturmgewehren und Panzerfäusten bewaffnet durch die Universitätsstadt und betraten dann einen Sandwich Shop, wo verängstigte Gäste Fotos von den schwer bewaffneten Männern machten.

Die Bilder breiteten sich im Internet wie ein Lauffeuer aus. Auf die größtenteils negativen Reaktionen angesprochen meinte ein Mitglied der Blue-Igloo-Gruppe, dass „wir respektvoll bleiben werden, denn eine bewaffnete Gesellschaft ist eine höfliche Gesellschaft“. Das demonstrative Tragen militärischer Waffen solle nur zeigen, dass man „korrupte Politiker und ein korruptes System, das uns davon abhält, unseren Lebensunterhalt zu verdienen“ nicht dulden werde.

Zwar ist unklar, wie viele der bewaffneten Demonstranten tatsächlich privaten Milizen angehören, von denen es in den USA nach Schätzungen der Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center mindestens 165 gibt. Experten glauben aber, dass deren Einfluss größer ist, als allgemein angenommen wird. Jared Yates Sexton, der ein Buch über einen drohenden Aufstand in den USA geschrieben hat, vermutet bei vielen der Demonstranten politische Motive. „Diese Milizen nutzen gezielt politische Turbulenzen aus, die zur Zeit fraglos gegeben sind, um Unruhe, Angst und Unsicherheit zu verbreiten“, sagt Sexton. Selbst wenn sie derzeit noch in der Minderheit sind, sei es „letztendlich deren Ziel, das System an den Pranger zu stellen und ganze Regierungen zu stürzen“. Peter DeThier