Fast schien es so, als sei der Kampf um einen Corona-Impfstoff quasi schon gewonnen. Schließlich sind laut dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) global 184 Impfstoffprojekte angelaufen. Immer wieder gab es Meldungen über Durchbrüche und baldige Verfügbarkeit. Und Politiker aus aller Welt befeuerten das. Russland brüstete sich Mitte August damit, mit dem Vakzin namens Sputnik des Gamaleya-Zentrums Weltspitze zu sein. In China wiederum hatte das Militär bereits Ende Juni die Erlaubnis erhalten, Soldaten einen im Institut der Volksbefreiungsarmee entwickelten Impfstoffkandidaten zu injizieren. Und in den USA, wo Donald Trump gern den Stil autoritärer Regimes kopiert, setzt der Präsident die Arzneimittelbehörde FDA unter Druck, wie in Russland und China einen Impfstoff lange vor Abschluss der finalen Testphase zuzulassen.#

Manipulation befürchtet

Beim russischen Impfstoff gibt es derweil neue Fragezeichen. Eine Gruppe prominenter Wissenschaftler aus mehreren Ländern hat einen Manipulationsverdacht im Hinblick auf die russischen Daten geäußert, die sich auf die nur 76 Personen beziehen, an denen Sputnik getestet wurde. Immerhin beginnen nun offenbar Tests an einer großen Gruppe.

Bei einem der westlichen Hoffnungsträger, Astra Zeneca, gab es eine sechstägige Testunterbrechung, weil eine Frau Probleme bekam. Nun ist es normal, bei der Phase III getauften finalen Testphase mit Zehntausenden Probanden das Prozedere bei Problemen anzuhalten. Man will niemanden in Gefahr bringen – beim Test nicht und nicht später beim Impfen. Angesichts des öffentlichen Drucks aber sahen sich die Chefs neun konkurrierender Konzerne, darunter Astra Zeneca, Johnson & Johnson, Pfizer und Sanofi, genötigt, darauf hinzuweisen, dass Sicherheit und Verträglichkeit oberste Priorität hätten. Das beinhalte die Daten aus der entscheidenden Test-Phase III. Erst danach werde man eine Zulassung beantragen.

Das entspricht ganz der Linie der Bundesregierung. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betonte am Dienstag, es werde kein Impfstoff zugelassen, der nicht eine abgeschlossene Phase III nachweisen könne. Darüber sei man sich in der EU einig. Auch Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) unterstrich: „Sicherheit hat höchste Priorität.“ Deshalb hat man viel Geld für ein Sonderprogramm in die Hand genommen. Bis zu 750 Millionen Euro werden dafür ausgegeben, um Phase-III-Tests zu beschleunigen, „aber ohne einen Verlust an Sorgfalt“, so Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, der Bundesbehörde für Impfstoffe. Zudem fließt das Geld in die Produktionskapazitäten.

Drei Anträge wurden positiv entschieden – vom Tübinger Unternehmen Curevac, der Mainzer Firma Biontech und IDT Biologika aus Dessau. Mit IDT wird über Details verhandelt, Biontech bekommt 375 Millionen Euro, Curevac 230 Millionen – dabei ist der Bund hier schon als Anteilseigner, er hatte 23 Prozent für 300 Millionen gekauft.

Die Bundesregierung geht davon aus, dass es zum Jahreswechsel erste Zulassungen geben könnte und bereits wenige Tage danach allererste Impfdosen zur Verfügung stehen. Bis Mitte des Jahres könnte ein Impfstoff millionenfach verfügbar sein. Allein die drei geförderten Firmen haben 40 Millionen Dosen zugesagt. Wobei Spahn davon ausgeht, dass jeder Mensch zweimal geimpft werden muss – freiwillig, wie er betonte.

Einen ähnlichen Zeithorizont hat jetzt auch Microsoft-Gründer Bill Gates genannt – nächsten Sommer werde es Impfstoffe überall in der Welt geben. Mit „drei oder sogar vier“ Präparaten werde es losgehen, so Gates, der bei Impfgegnern und Corona-Leugnern ein beliebtes Feindbild ist. Seine Stiftung fördert seit Langem das Impfen. Und hat 250 Millionen Dollar zur Corona-Bekämpfung ausgegeben.

Viel hängt daran, welche Projekte Erfolg haben. Laut vfa würde ein idealer Impfstoff bei jedem Geimpften einen vollständigen, lebenslangen Schutz erzielen, mit wenigen, milden Nebenwirkungen. „Kein Impfstoff wird jedoch dieses Idealziel vollumfänglich erfüllen können.“ Was auch daran liegt, dass noch unklar ist, wie lange die Immunität anhält. Prof. Marylyn Addo, Leiterin der Infektiologie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, die selbst an einem Impfstoff arbeitet, glaubt nicht an langanhaltenden Schutz. Die Erwartungen von Politik und Gesellschaft seien überhöht. Die Impfung werde „nicht die Lösung gegen die Pandemie sein“, sondern Teil von vielen Maßnahmen.

Forschungsministerin Anja Karliczek jedenfalls räumte ein: Weil man nicht wisse, welche Vakzine sich durchsetzen, könne man viele Fragen noch nicht beantworten. Und Jens Spahn betonte den steten Lernprozess im Hinblick auf das Virus: „Wir sind alle Schüler in dieser Pandemie.“

Der Stand der Impfstoff-Forschung