Tunis / Martin Gehlen Regime in Damaskus ist aus Kreml-Sicht „unwillig oder unfähig“ für den Wiederaufbau des Landes.

Zunächst waren es Einzelstimmen wie die des russischen Diplomaten Alexander Aksenyonok. Kürzlich aber ging erstmals auch die populäre Medienplattform RIA FAN, die dem Oligarchen und Putin-Freund Jewgeni Prigozhin gehört, in mehreren Artikeln offen auf Distanz zu dem syrischen Diktator Bashar al-Assad, auch wenn das meiste später wieder gelöscht wurde. Assad sei „schwach“ und „unfähig“, die grassierende Korruption in Syrien zu stoppen und das Land wieder auf die Beine zu bringen, lautete die Kritik. Dazu gestellt wurde eine Umfrage der russischen „Stiftung für den Schutz traditioneller Werte“ unter 1000 Syrern in den Regime-Gebieten, nach der nur noch 31,4 Prozent Assad positiv sehen und bei der Präsidentenwahl 2021 wählen würden. 70,2 Prozent stimmten der Aussage zu, Syrien brauche „das Auftreten von neuen starken Politikern“.

Auch wenn es Zweifel gibt, ob diese telefonische Meinungsumfrage tatsächlich so stattgefunden hat, ihre neunseitige Hochglanz-Präsentation in einem Putin-nahen Medium könnte Indiz dafür sein, dass im Kreml die Frustration über das Regime in Damaskus wächst. Der Einsatz in Syrien verschlingt Unsummen. Und wie es mit dem korrupten Assad-Clan an der Macht weiter gehen soll, wird für Moskau immer unkalkulierbarer.

Es herrscht große Armut

Das Land liegt total am Boden, 80 Prozent der Bevölkerung lebt in Armut, die Corona-Seuche könnte der geschundenen Nation nun den Rest geben. Und so fürchten Teile der russischen Führung offenbar, nach dem Virus allein auf dem syrischen Bürgerkriegschaos sitzen zu bleiben, während die übrige Welt auf Jahre mit der Reanimation ihrer demolierten Volkswirtschaften beschäftigt ist.

Ex-Botschafter Alexander Aksenyonok, der bereits unter Assads Vater Hafez al-Assad in Syrien tätig war, führt viele Kritikpunkten ins Feld. Sein Artikel erschien in der relativ Kreml-kritischen Zeitung „Kommersant“ und als englische Publikation beim „Russian International Affairs Council“, zu dessen Vorstand Russlands Außenminister Sergei Lawrow gehört. „Nach allem, was wir sehen, ist Damaskus nicht sonderlich interessiert, eine weitsichtige und flexible Haltung an den Tag zu legen“, bilanzierte der frühere Diplomat. Stattdessen setze die syrische Führung auf eine militärische Lösung und widersetze sich „unausweichlichen Reformen“.

Das Regime sei unwillig oder unfähig, „ein System staatlichen Handelns zu entwickeln, welches Korruption und Kriminalität in die Schranken weist“. Nach Ansicht von Aksenyonok fehlen daher sämtliche Voraussetzungen für große wirtschaftliche Wiederaufbauprojekte. Martin Gehlen