Berlin / Hajo Zenker Die Pandemie verändert das Gesundheitswesen. Die lange verschmähte Videosprechstunde erlebt einen Boom. Elektronische Krankschreibungen nehmen zu. Von Hajo Zenker

Das Coronavirus war wochenlang für den Stillstand weiter Teile des öffentlichen Lebens verantwortlich, aber es hat auch in einigen Bereichen für Beschleunigung gesorgt. So hat die Digitalisierung im Gesundheitswesen, in Deutschland lange im Dornröschenschlaf, durch die Pandemie definitiv einen Schub erhalten.

Einer Online-Befragung von Stiftung Gesundheit, dem Institut für Public Health sowie dem Bundesgesundheitsministerium zufolge geben 52 Prozent der Mediziner an, Videosprechstunden anzubieten, zehn Prozent haben das demnach in Kürze vor. Das sei ein „enormer Anstieg“, erklären die Autoren. Noch vor kurzer Zeit wollten die deutschen Ärzte mit dieser Art der Behandlung nämlich wenig zu tun haben. Bei einer Befragung Ende 2017 hatten gerade einmal 1,8 Prozent der ambulant tätigen Ärzte angegeben, diese Möglichkeit zu nutzen. Die Mehrheit sprach sich damals strikt dagegen aus.

Der Meinungsumschwung ist eindeutig auf die Corona-Pandemie zurückzuführen. Schließlich geben 94 Prozent der Mediziner an, erst im Laufe dieses Jahres Videosprechstunden eingeführt zu haben.

Während bei den Hausärzten 34 Prozent Videosprechstunden anbieten, kommen die Psychotherapeuten auf 81 Prozent. Wenig überraschend zeigen sich junge Mediziner besonders aufgeschlossen: Acht von zehn Ärzten unter 40 Jahren sind dabei. Überraschender dagegen: Nur 26 Prozent der Medizinerinnen lehnen Onlinebehandlung rundweg ab, bei den Männern stellen sich noch immer 48 Prozent quer.

Große Nachfrage

Die Patienten jedenfalls drängen auf Internet-Behandlung. Zwei Drittel der Deutschen meinen, dass Ärzte Online-Sprechstunden anbieten sollten. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Damit ist der Zuspruch für virtuelle Arztbesuche deutlich gestiegen: Im Frühjahr 2019 gaben erst 30 Prozent an, sie könnten sich vorstellen, Telemedizin zu nutzen.

Online-Sprechstunden seien „hilfreich, um die medizinische Versorgung zu gewährleisten und gleichzeitig Patienten, Ärzte und Pflegende zu schützen – insbesondere auf dem Land, aber auch in den Städten“, so Bitkom-Präsident Achim Berg. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung hat sich die Zahl der Videosprechstunden allein von Februar auf März von 1700 auf 19 500 erhöht.

Den Ärzten stehen für eine sichere Leitung zum Patienten rund 30 zertifizierte Videodienste zur Verfügung. Die Techniker Krankenkasse (TK) als größte deutsche Kasse offeriert ihren Versicherten extra eine eigene App für die Video-Fernbehandlung. Das sei, sagt TK-Chef Jens Baas, „ein unkomplizierter, komfortabler Zugang zum Arzt ohne Ansteckungsgefahr“.

Dabei gilt jedoch, dass längst nicht jede Erkrankung auf Distanz zu behandeln ist. In der TK-Online-Sprechstunde behandeln niedergelassene Vertragsärzte die Versicherten zu acht Krankheitsbildern – vom grippalen Infekt über Magen-Darm-Infekt und Migräne bis hin zu Rückenschmerzen. Dabei muss der Arzt prüfen, ob eine sichere Diagnose und Behandlung per Video möglich ist. Werden Medikamente verschrieben, kann man wählen zwischen der klassischen Papierform, die verschickt wird, oder einer elektronischen Variante, die der Patient an eine der teilnehmenden Apotheken weiterleiten kann. Auch eine Krankschreibung ist bis zu einer Dauer von drei Tagen möglich.

Die Nachfrage ist da. Das zeigt sich auch bei der Logopädie-App Neolexon eines Münchner Start-ups für Drei- bis Siebenjährige, die die TK ihren Versicherten anbietet. Von Mitte März bis Mitte Mai stieg die Zahl der Nutzer um 35 Prozent. Zu Beginn des Lockdowns hatte Neolexon ein Update der App gegen Sprachstörungen entwickelt, damit Kinder ihre Sprech-Übungen machen konnten, obwohl die Logopädiepraxen geschlossen bleiben mussten.

Auch die zweitgrößte Krankenkasse kann die Entwicklung bestätigen: „Die Coronakrise hat zu einem Schub bei der Digitalisierung geführt“, sagt Barmer-Sprecher Axel Wunsch. Ein Beispiel dafür seien die Uploadzahlen von Krankschreibungen. Sie lagen im März gegenüber dem Vorjahresmonat um 100 Prozent höher. Auch die App der Kasse ist gefragter. Im März legte die Downloadzahl gegenüber dem Vormonat um 31 Prozent zu.

Solche Zuwächse scheinen keine Ausnahme zu sein. Eine Umfrage unter Gesundheits-Start-ups sowie eine Datenanalyse von Strategy&, der Strategieberatung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, zeigt: Die monatlichen Nutzerzahlen von Gesundheits- und Fitnessanwendungen sind seit Mitte März in Deutschland um 16 Prozent angestiegen. Die Zahl der Anwender erreicht mit 20,4 Millionen einen neuen Höchststand (Vorjahr: 17,6 Millionen). 80 Prozent der Start-ups berichten, dass ihre Kunden die Apps immer häufiger nutzen. Entsprechend sehen 82 Prozent der Befragten die Krise als Chance.

Das Coronavirus „beschleunigt die Digitalisierung in der Medizin in einem enormen Ausmaß“, schreibt Studienautor Thomas Solbach. Patienten und Ärzte nutzten aktuell vermehrt virtuelle Behandlungsmöglichkeiten und würden so deren Vorteile erkennen. „Daher könnten sich digitale Lösungen auch mittel- und langfristig als Ergänzung traditioneller Methoden etablieren.“

Deutlicher Corona-Effekt