Frankfurt/Main / dpa Stephan E. muss sich vor dem Frankfurter Oberlandesgericht verantworten. Er soll den Kasseler Regierungspräsidenten aus politisch motiviertem Hass getötet haben.

Im nüchternen Saal 165 C des Frankfurter Oberlandesgerichts treffen die Witwe und die beiden Söhne von Walter Lübcke auf den mutmaßlichen Mörder ihres Vater. Dort verhandelt das Gericht üblicherweise gegen islamistische Terroristen und zuweilen auch gegen Spione, am Dienstag geht es nun um den mutmaßlich politischen und rechtsextremistisch motivierten Mord an einem Regierungspräsidenten. Die Tat hatte vor gut einem Jahr Schockwellen in Deutschland ausgelöst.

Denn Walter Lübcke wurde nach Einschätzung der Ermittler Anfang Juni 2019 wegen seiner Haltung zu Flüchtlingen umgebracht – erschossen aus kurzer Distanz, als er abends alleine auf der Terrasse seines Wohnhauses im beschaulichen Wolfshagen-Istha in Nordhessen saß. Nicht weit entfernt davon fand zu dem Zeitpunkt eine Dorfkirmes statt.

Irmgard Braun-Lübcke und die beiden Söhne müssen ein paar Minuten warten, bis der Angeklagte Stephan E. in den Gerichtssaal gebracht wird. Äußerlich unbewegt, mit ernsten Gesichtern geradeaus Richtung Anklagebank blickend, harrt die als Nebenkläger an dem Prozess teilnehmende Familie aus, bis E.  und der Mitangeklagte Markus H. hereingeführt sind.

Den geplanten Verlauf nimmt der Prozess zunächst nicht. Noch bevor die Vertreter des Generalbundesanwalts, der den Mordfall wegen der besonderen Bedeutung an sich gezogen hatte, die Anklageschrift verlesen können, stellen die Verteidiger von E. und H. zahlreiche Anträge. Es geht um eine mögliche Befangenheit des Vorsitzenden Richters bis hin zur Forderung nach Aussetzung der Verhandlung.

Familie Lübcke folgt den Ausführungen der Verteidiger über den angeblich nicht möglichen fairen Prozess gegen die beiden Angeklagten nahezu reglos, die Gesichter wirken fast versteinert. Für die Angehörigen sei es „unerträglich“ gewesen, den zweieinhalbstündigen Auftakt der Hauptverhandlung anzuhören, sagt ihr Anwalt Holger Matt.

Schließlich wird die Anklage aber doch verlesen. Der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel drückt merklich auf Tempo: Ein Teil der Anträge der Verteidigung wird abgelehnt, über den Befangenheitsantrag werde man zu „gegebener Zeit entscheiden“, eine Entscheidung über die Aussetzung der Verhandlung werde zurückgestellt.

Die Angeklagten äußern sich nicht direkt, trotz eines Appells des Richters, ein frühzeitiges und von Reue getragenes Geständnis helfe immer. Lediglich der Anwalt von H. gibt am Ende des ersten Verhandlungstages ein kurzes Statement für seinen Mandanten ab – in dem er dem Generalbundesanwalt den Missbrauch des Strafverfahrens für politische Zwecke vorwirft. dpa