Aha, 89 Cent würde der Mozzarella kosten, wenn man alle Umweltschäden, die die Herstellung mit sich bringt, einrechnet. 30 Cent mehr als der Normalpreis also – kein Problem, bezahlen wir. Aber an der Kasse dann die Überraschung: „Nein, den Betrag kann ich leider nicht eingeben“, sagt der freundliche Mitarbeiter. „Die beiden Preise sollen nämlich nur eine Gegenüberstellung sein.“

Schade – denn die Möglichkeit, die realen Kosten schnell beim Einkauf zu begleichen, hätte das eigene Umweltgewissen doch etwas entlastet. Aber mit ihrer Aktion „Wahre Verkaufspreise“ will die Rewe-Tochter Penny kein Geld sammeln, etwa um Umweltprojekte zu fördern. Zunächst wolle man nur „die Folgekosten unseres Konsums sichtbar machen“, sagt Rewe-Vorstandsmitglied Stefan Magel. Die Dimension des Problems ist gewaltig: Mit einem Anteil von rund sieben Prozent am Gesamtausstoß von Treibhausgasen verursacht die deutsche Landwirtschaft ähnlich große Umweltschäden wie die Industrie. Auch die Penny-Aktion wird daran wohl nichts ändern. Aber sie ermöglicht einen Blick auf das Zustandekommen der „wahren Kosten“ – weil der Konzern die Preise nämlich seriös errechnen lässt.

Das Forscherteam der Universitäten Augsburg und Greifswald versieht für das Projekt vor allem tierische Produkte mit hohen Aufschlägen. „Die größten Kostentreiber sind Treibhausgase, die unter anderem durch den Methan­ausstoß von Wiederkäuern anfallen, sowie Stickstoffemissionen, etwa durch die Exkremente von Schweinen“, sagt die Greifswalder Nachhaltigkeitsexpertin Amelie Michalke dieser Zeitung. Bei pflanzlichen Produkten seien die zusätzlichen Kosten dagegen relativ gering, obwohl auch dort in niedrigen Mengen Treibhausgas-Emissionen anfielen. Von dem Projekt erhofft sie sich, dass es „ein Bewusstsein schafft für den Zusammenhang zwischen den ökologischen Auswirkungen landwirtschaftlicher Produktion und den im Kontrast dazu sehr niedrigen Preisen unserer Lebensmittel“. „Im Idealfall“ solle verstanden werden, „dass wir derzeit indirekt schon für alle Schäden aufkommen, die verursacht werden. Sie gehen auf Kosten unseres Kilmas sowie unserer Ökosysteme.“

Tobias Gaugler von der Universität Augsburg weist außerdem darauf hin, dass „wichtige Aspekte wie das Tierwohl und die Folgen multiresistenter Keime“ infolge der Gabe von Antibiotika an die Tiere „mangels entsprechender Datengrundlage“ nicht in die Rechnung eingegangen seien.

Bei der Verbraucherrechtsorganisation Foodwatch hält man die Berechnungen der Forscher für nachvollziehbar. Die Konsequenz müsse sein, dass in der Lebensmittelwirtschaft derjenige, der Kosten verursacht, diese auch vollständig tragen muss, sagt Foodwatch-Experte Matthias Wolfschmidt. „Das bedeutet, dass in der Agrar- und Lebensmittelproduktion die Kosten durch Umweltschäden auch diesen Herstellern angerechnet werden, obwohl sie bei Dritten anfallen. Wie etwa die Aufbereitungskosten von Trinkwasser, das mit Pflanzenschutzmitteln belastet ist.“

Dass ausgerechnet Penny auf die enormen Zusatzkosten durch Umweltbelastung hinweist, findet Wolfschmidt wenig überzeugend. „Ich denke, dass es sich dabei in erster Linie um eine PR-Aktion des Konzerns handelt“, sagt er. „Wenn Rewe und Penny es ernst meinen würden mit ihrer Kostenberechnung, dann müssten sie viel stärker darauf achten, dass die von ihnen selbst angebotenen Lebensmittel ressourcenschonend hergestellt werden.“ Außerdem fehle der Aktion die politische Dimension – „der Appell an Bundesregierung, Parlament und EU, Regelungen zu entwickeln, mit denen die Kosten den Verursachern angelastet werden“.

Würden Landwirte und Hersteller ihre Zusatzkosten aber nicht einfach an die Verbraucher weitergeben? Das dürfe auf keinen Fall passieren, warnt Britta Schautz von der Verbraucherzentrale Berlin. „Denn dann würden die Verbraucher in Vorkasse gehen, ohne zu wissen, wofür das Geld eingesetzt wird.“

Eine Kundin im Penny-Markt sagt, sie sei durchaus bereit, für Lebensmittel einen etwas höheren Preis zu bezahlen. „Aber dann müsste ich wissen, wofür das gut sein soll. Vielleicht so ähnlich wie bei Bio.“

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Prozent Aufschlag berechnen die Forscher der Universitäten Augsburg und Greifswald als „wahren Preis“ für konventionell erzeugtes Fleisch. Bei Bio-Äpfeln sind es nur vier Prozent.