Stuttgart / Axel Habermehl, Dominique Leibbrand Jung, männlich, sozial schwach – so charakterisiert der Stuttgarter Vize-Polizeichef die Krawallmacher vom Wochenende. Was das Fass zum Überlaufen brachte und welche Schritte jetzt folgen sollen. Von Axel Habermehl und Dominique Leibbrand

Polizisten wie Stephan Zantis sind Gewalt gewohnt. „Jedes Wochenende kommt’s zu Gewalttaten“, sagt der Erste Polizeihauptkommissar, der am Montag in der Stuttgarter Königstraße steht. Hinter seiner hellblauen OP-Maske sieht der Polizist ziemlich ratlos aus. Schlägereien mit bis zu 20 Mann seien in Baden-Württembergs Landeshauptstadt ein gängiges Ding. Was Zantis und seine Kollegen in der Nacht auf Sonntag aber erleben mussten – hunderte Steine und Flaschen werfende Jugendliche, Plünderungen, Kollegen, die bei Festnahmen „weggetreten wurden“ – das sei etwas ganz anderes. „Das war eine neue Dimension der Gewalt.“

Wie konnte es dazu kommen? Diese Frage diskutiert am Montag die ganze Republik. Einige fühlen sich an die Kölner Silvesternacht erinnert, andere vermuten islamistische Motive der Krawallmacher, weil man auf Videomitschnitten „Allahu Akbar“-Rufe hört. Oder stecken doch Linksextremisten dahinter? Landespolizeipräsidentin Stefanie Hinz sagt: „Wir haben keine verdichteten Hinweise, dass eine politische Motivation oder entsprechend auch eine religiöse Motivation hinter diesen Taten steckt.“ Dass einige Randalierer richtige Sturmhauben und Farbbeutel dabeihatten, macht Ermittler allerdings stutzig. Also doch kein spontaner Gewaltexzess, sondern geplanter Krawall? Oder eine Mischung aus beidem?

Szene bietet Rahmen für Gewalt

Thomas Berger steht am Rotebühlplatz in der heißen Mittagssonne. Er sehe keine Veranlassung, von der Begrifflichkeit „Eventszene“ abzuweichen, stellt der Vize-Chef der Stuttgarter Polizei klar. Viele hatten der Polizei vorgeworfen, der Begriff verharmlose die Situation. „Diese Eventszene gibt nur den Rahmen vor, in dem Kriminelle ihre Gewaltstraftaten verüben“, konkretisiert Berger. Vergleichbar sei das mit dem Fußball, bei dem es innerhalb der Fanszene gewaltbereite Ultras gebe. Dort finde man ebenfalls Täter, Helfer – und die große undefinierte Masse, die eine Bühne biete.

Deutlicher als noch am Vortag zielt Berger auf den Migrationshintergrund der Randalierer ab. Von den 24 am Sonntag Festgenommenen haben zwölf einen ausländischen Pass und zwölf einen deutschen, wobei davon wiederum drei Männer einen Migrationshintergrund haben. Zur Wahrheit gehöre, dass die Täter bei solch spezifischer Gewalt meist jung, männlich und sozial randständig seien, sagt Berger. Der Migrationshintergrund bedinge oft soziale Probleme. „Für mich sind diese Ausschreitungen Auswüchse nicht gelöster Konflikte.“

Bei Jugendlichen, die derart ausrasteten, komme eine Menge zusammen, erklärt Klausjürgen Mauch von der Evangelischen Gesellschaft, die in Stuttgart für die Mobile Jugendarbeit zuständig ist. „Ein Gefühl der Abgehängtheit, keine positive Lebensperspektive.“ Das Publikum, das sich in den Sommermonaten auf Stuttgarts öffentlichen Plätzen trifft, feiert und trinkt, beschreibt Mauch als „Querschnitt durch die Gesellschaft – vom Gymnasiasten bis zum Sonderschüler.“ Mit und ohne deutschen Pass. Aus Stuttgart und dem Umland. Nur ein kleiner Teil davon ist seiner Einschätzung nach gewalttätig. Bei 500 Randalierern reichten „30, 40 Hohlköpfe“, um eine alkoholgeschwängerte Situation mit vielen Menschen auf engem Raum zum Eskalieren zu bringen.

Als Reaktion auf die Krawallnacht wollen Stadt und Polizei die Jugend- und Migrantenarbeit ausdehnen, was Mauch begrüßt. Bislang gibt es im Zentrum keine mobile Jugendarbeit. Man habe Geld dafür beantragt, sei von der Polizei unterstützt worden. Es habe jedoch nie eine politische Mehrheit gegeben. Dabei habe man bei einem Projekt gute Erfahrungen gemacht. „Wir sehen den Bedarf“, so Mauch. Er wolle aber nicht so weit gehen, dass es den Exzess mit Jugendarbeit nicht gegeben hätte. „Da ist vieles zusammen gekommen, das hätten wir nicht aufhalten können.“

Inszenierungssucht im Netz

Was das Fass zum Überlaufen brachte, dafür gibt es laut Vize-Polizeichef Berger mehrere Ursachen. Der durch Corona bedingte Lockdown, die Bilder von Krawallen in den USA und die Inszenierungssucht vieler junger Leute im Netz. Auch die zunehmende Feindseligkeit gegenüber der hiesigen Polizei. Schnell wird den Beamten bei Kontrollen mittlerweile vorgeworfen, sie seien Rassisten. Dass es schwarze Schafe innerhalb der Polizei gebe, leugne er nicht. Er gehe aber davon aus, dass der Anteil der Rassisten in der Polizei überproportional klein sei, sagt Berger. „Die Motivation, zur Polizei zu gehen, ist, Menschen zu helfen. Dazu passt Rassismus nicht.“ Klar sei aber: „Wir dürfen keinen Anlass geben, dass wir durch unser Handeln unsere Legitimation verspielen.“

Sondersitzung zu Krawallen im Landtag

Gelegenheit zur Aufarbeitung in der Politik soll eine Sondersitzung des Innenausschusses am Mittwoch im Landtag geben. Dort will die Opposition Innenminister Strobl ausführlich zur kriminellen Gewalt befragen. Das grün-schwarze Kabinett befasst sich bereits an diesem Dienstag mit den Krawallen. dpa