Berlin / Hajo Zenker NBR Gewerkschaft Marburger Bund beklagt hohe Zahl der Überstunden und weist auf eine Flucht in die Teilzeit hin.

. Jeder fünfte Krankenhausarzt denkt darüber nach, seinen Beruf aufzugeben – dies gilt sowohl bundesweit (21 Prozent), als auch für Baden-Württemberg (20 Prozent). Das geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Mitgliederbefragung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund hervor, die rund zwei Drittel aller angestellten Mediziner vertritt. Gründe dafür seien Überstunden, fehlendes Personal und zunehmender Zeitdruck. „Weder der Politik noch den Krankenhäusern darf diese Entwicklung gleichgültig sein“, sagte Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes. Stiegen tatsächlich so viele Mediziner aus dem Job aus, „wäre das eine Katastrophe“. Diese müsse abgewendet werden.

Rund drei Viertel der Befragten (74 Prozent bundesweit, 76 Prozent in Baden-Württemberg) haben das Gefühl, dass die Gestaltung der Arbeitszeiten sie in ihrer Gesundheit beeinträchtigt, etwa in Form von Schlafstörungen und häufiger Müdigkeit. Durch die Arbeitsverdichtung, den Personalmangel und den ökonomischen Erwartungsdruck der Klinikbetreiber kämen immer mehr Mediziner an ihre Grenzen: Rund die Hälfte der Befragten (49 Prozent bundesweit, 51 Prozent in Baden-Württemberg) sagt, häufig überlastet zu sein; jeder Zehnte meint: „Ich gehe ständig über meine Grenzen“.

60 Stunden und mehr

Die tatsächliche Wochenarbeitszeit betrage für 41 Prozent der Befragten zwischen 41 und 59 Stunden – in Baden-Württemberg sind es sogar 43 Prozent. Jeder fünfte Arzt arbeite gar 60 Stunden und mehr. Dabei gibt es eine gesetzliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden. Im Schnitt leisteten die Ärzte fast sieben Überstunden je Woche, das ergebe 65 Millionen Überstunden im Jahr.

Ein Weg, sich der Belastung zu entziehen, ist Teilzeitarbeit. „Der Trend ist ungebrochen“, sagte Susanne Johna. Bundesweit sind 26 Prozent teilzeitbeschäftigt, in Baden-Württemberg 28 Prozent. Viele Mediziner „halten den Druck nicht mehr aus und flüchten in die Teilzeit“, so Sylvia Ottmüller, 2. Landesvorsitzende in Baden-Württemberg. „Dies ist ein nicht akzeptabler Zustand, der dringend geändert werden muss.“

Während 2013 acht Prozent der Ärzte angaben, mindestens vier Stunden am Tag mit Verwaltungstätigkeiten befasst zu sein, waren es nun 35 Prozent. Das sei eine „skandalöse Zeitverschwendung“.

Auf „oft sinnlose Bürokratiearbeiten, die die Ärzte von ihrer eigentlichen Arbeit am Patienten abhalten“, ging denn auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft in ihrer Reaktion auf die Zahlen ein. Würde es gelingen, die von der Ärztemehrheit zu erbringenden drei Stunden Verwaltungsaufwand zu halbieren, hätte man die Arbeitskraft von 3750 Medizinern mehr zur Verfügung, so Hauptgeschäftsführer Georg Baum. Darum müssten sich Politik und Krankenkassen kümmern. Hajo Zenker