Berlin / Hajo Zenker Noch immer hält das Virus für die Forschung viele Überraschungen bereit. Hoch infektiöse Menschen bei Großveranstaltungen sind sehr gefährlich. Von Hajo Zenker

Das Corona-Virus hält seit Monaten die Welt in Atem. Aber noch immer ist vieles unklar, erst Stück für Stück gibt es neue, häufig überraschende Erkenntnisse. Viele Annahmen aus der Anfangszeit der Sars-Cov-2 haben sich als falsch herausgestellt. So verbreitet sich das Virus, obwohl eng mit Sars-Cov-1 von 2002/2003 verwandt, deutlich anders – nämlich viel schneller. Einige neue Erkenntnisse.

Aerosole. Dass Menschen beim Atmen, Sprechen oder Niesen vergleichsweise große Tröpfchen ausstoßen, die rasch nach maximal 1,5 bis zwei Metern auf den Boden fallen, ist lange bekannt. Daher wurden schon vor Wochen Abstandsregeln eingeführt. Damit diese Tröpfchen, in denen das Virus stecken kann, nicht in Nase, Mund oder Augen eines anderen Menschen gelangen und ihn so infizieren. Schwieriger aber ist das, wie man jetzt erst weiß, mit den sogenannten Aerosolen. Das sind ebenfalls Tröpfchen, aber besonders kleine – die sich deshalb anders verhalten. Einer US-Studie zufolge können sich die Aerosole zwölf Minuten lang in der Luft halten. Ist die Virusbelastung in den Aerosolen hoch, kann man sich anstecken. Der Charité-Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass etwa ebenso viele Infektionen über die großen Tröpfchen wie über Aerosole erfolgen. Das Mittel gegen Aerosole heißt frische Luft. Wenn sich die Aerosole aus der Atemluft schnell verdünnen, ist die Ansteckungsgefahr gering. Wer auf der Restaurant-Terrasse sitzt statt im Innenraum, ist eindeutig geschützter. Wenn das nicht geht und man sich in geschlossenen Räumen mit mehreren Menschen aufhalten muss, dann sollte man so viel wie möglich lüften, auch ordentlich gewartete Klimaanlagen können helfen. Eine Studie aus Japan zeigt, dass es 19 Mal wahrscheinlicher ist, sich in geschlossenen Räumen als im Freien zu infizieren. Illustriert wird das durch jüngste Ausbrüche in Deutschland mit Gottesdienste oder Restaurants als Ausgangspunkte. Denn es macht nachgewiesenermaßen auch einen Unterschied, wie laut man spricht oder singt: Je lauter, desto mehr Tröpfchen – jeder Größe.

Superspreader. Damit sind wir bei den sogenannten Superspreadern, den „Superverbreitern“ – Infizierten, die besonders viele Menschen anstecken. Das einerseits, weil sie hoch infektiös sind, aber anderseits auch, weil sie die Gelegenheit dazu haben. Damit es zu einem Superspreading-Ereignis kommt, muss die hoch ansteckende Person viele andere Menschen in einer Umgebung antreffen, die es den Viren leicht macht. Es reicht eine einzige solche Person, die laut singt oder schreit und ganz nah um sich herum viele Personen hat. Ihre großen und kleinen Tröpfchen infizieren Dutzende, die das Virus danach woanders hin tragen. Christian Drosten nennt das „explosive Übertragungsereignisse“.

Für Professor Christoph Berg, Geschäftsführender Oberarzt am Uniklinikum Tübingen und Facharzt für Infektiologie, ist es deshalb extrem wichtig, „Situationen zu verhindern, in denen das Risiko steigt, dass einzelne Personen, die besonders infektiös sind – ohne es zu wissen – sehr viele andere anstecken können“. Der Fall der Après-Ski-Partys in Ischgl habe das gezeigt. Denn dort seien folgende Umstände gegeben gewesen: „Ein Raum, in dem man eng zusammen ist, es warm und feucht ist und in dem sich Tröpfchen wunderbar in der Luft halten können, bevor sie sich wieder absetzen.“ Nach seiner Ansicht gibt es noch weitere Gegebenheiten, die eine Ansteckung wahrscheinlich machen. „Ich glaube, es gab nirgends höhere Ansteckungsraten als bei Sängern im Chor, selbst wenn sie auf den Abstand geachtet haben.“

Einige Menschen, die die Infektion wegen fehlender Symptome (noch) nicht merken, scheiden dabei offenbar weit mehr Viren aus als andere, was mit Unterschieden im Immunsystem erklärt wird. Derzeit wird davon ausgegangen, dass Menschen zwei Tage vor und zwei Tage nach Auftreten der ersten Symptome am stärksten ansteckend sind.

Wenige stecken Viele an

Eine Studie in Hongkong kam zu dem Schluss, dass dort 80 Prozent der Sars-CoV-2-Übertragungen auf 20 Prozent der Infizierten zurückgehen. Forscher aus London errechneten sogar, dass weltweit zehn Prozent der Infizierten für 80 Prozent der Übertragungen verantwortlich sind.

Solche massenhafte Verbreitung durch eine einzige Person oder sehr wenige Personen wurde bereits beim ersten Sars-Virus beobachtet. Für die Covid-19-Bekämpfung ist das eigentlich eine gute Nachricht. Zwar kennt man die hochinfektiösen Menschen nicht, aber die Ereignisse, die zur Super-Verteilung führen können. Christian Drosten empfiehlt, nach einem Superspreading-Ereignis alle Kontaktpersonen ohne vorherige Diagnostik als infiziert zu betrachten und zu isolieren, um weitere Ansteckungen zu verhindern. Gelingt das nicht, kann das tragisch enden wie im bayerischen Tirschenreuth, wo nach einem Starkbierfest mit 1200 Gästen die massenhafte Corona-Ausbreitung zunächst unentdeckt blieb und keine Isolierung erfolgte, was letztlich mehr als 130 Todesopfer forderte. Ein trauriger Höhepunkt von Superspreading. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, Arzt und Epidemiologe, fordert, dass Großveranstaltungen weiter verboten bleiben. Wobei die Gefahr in geschlossenen Räumen besonders groß ist – fast alle bekannten »