Berlin / Von Michael Gabel Das Europaparlament dringt auf stärkere Kontrollen osteuropäischer Züchter. Der CDU-Abgeordnete Peter Liese sagt „grenzüberschreitender Mafia“ den Kampf an. Von Michael Gabel

Süß sehen sie aus, richtig knuddelig. Doch was nicht sofort auffällt: Die elf Welpen, die Bundespolizisten Ende vergangenen Jahres im sächsischen Reitzenhain von der Ladefläche eines bosnischen Kleinlasters holen, haben eine qualvolle Zeit hinter sich. Wie der Tierarzt später feststellt, sind die Tiere unterernährt und manche von ihnen auch verletzt. Viele Stunden lang waren die Welpen der Rassen Golden Retriever, Labrador und Terrier während der Fahrt in kleinen Käfigen zusammengepfercht. Der Händler hat sie 1500 Kilometer quer durch Europa transportiert – für die jungen Tiere eine außerordentliche Strapaze.

An der deutsch-tschechischen Grenze, aber auch im Grenzgebiet zu Polen floriert der illegale Handel mit Hundewelpen seit Jahren. Käufer sind oft Menschen, die nicht wissen, dass sie etwas Illegales tun. Sie wünschen sich einfach ein Haustier – woher es stammt, ist ihnen gleichgültig. Gerade jetzt, in einer Zeit der Kontaktsperren und Ausgehbeschränkungen, zeigt sich wieder, was viele Menschen an Hunden schätzen: Vor allem für Ältere sind sie die idealen – und manchmal auch einzigen – Begleiter. Wissenschaftliche Studien haben belegt, dass Haustiere von ihren Haltern als vollwertige Familienmitglieder wahrgenommen werden. Gerade Hunde erfüllen Grundbedürfnisse des Menschen, etwa nach Zuwendung und Trost.

Bei ihrem Vorgehen machen sich die meist osteuropäischen Züchter zunutze, dass die Haltungsbedingungen der Tiere in ihren Ländern kaum kontrolliert werden. Rund 40 000 Welpen werden nach einer Brüsseler Schätzung Monat für Monat illegal in der EU gehandelt. Der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese spricht von einer „grenzüberschreitenden Mafia“, die am Werk sei. Gegenwärtig streiten das Europaparlament und die EU-Kommission über strengere Maßnahmen zur Eindämmung des illegalen Handels.

Vor allem in vielen osteuropäischen Ländern werden Zuchtbetriebe noch nicht einmal ansatzweise kontrolliert. Eine Mitarbeiterin der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ ist nach Polen gereist und hat sich die Haltungsbedingungen bei den illegalen Händlern angeschaut. Sie hat die Welpen in alten Scheunen und Kellerverschlägen entdeckt, wo die Muttertiere ohne Tageslicht und auf viel zu engem Raum gehalten werden. Die Rüden putscht man mit Medikamenten so auf, dass sie ständig in der Lage sind zu decken. Die Folge: Statt wie von der Natur vorgesehen einmal im Jahr produzieren die Hündinnen drei bis vier Würfe pro Jahr – ein Leben als Gebärmaschine.

Hinzu kommt: Die Welpen bleiben nur bis zu acht Wochen bei ihrer Mutter, was sowohl in Polen als auch anderen EU-Ländern gegen geltendes Recht verstößt. Sobald nämlich der Hundenachwuchs mehr braucht als die Muttermilch, wird er verkauft, und zwar in aller Regel ohne die eigentlich vorgeschriebenen Impfungen und tierärztlichen Untersuchungen.

Das Geschäft lohnt sich: Bei Trendhunderassen wie Mops, Labrador und Chihuahua schätzt „Vier Pfoten“ den Gewinn auf mehr als 700 Euro pro Tier. Wenn man die EU-Schätzung zugrunde legt, ist da sein erzielter Gewinn von monatlich 28 Millionen Euro.

Bei den illegal eingeführten Tieren häufen sich die Erbschäden. Der frühere FDP-Generalsekretär und jetzige Versicherungsunternehmer Patrick Döring berichtet von „Hüftdysplasie beim Labrador, Retriever und Schäferhund“. Viele Dackel entwickelten Wirbelsäulenprobleme, die sogenannte Dackellähme. Auch Dalmatiner-Welpen solle man sich genau anschauen, denn bei dieser Hunderasse sei Taubheit weit verbreitet.

Weil die illegalen Händler international vorgehen, fordert der CDU-Europaabgeordnete Liese Waffengleichheit für die Kontrollbehörden. „Es reicht nicht, wenn die Mitgliedsstaaten national vorgehen“, sagt er. Der Kampf sei „ganz klar eine europäische Aufgabe“. Unterstützung erhält er von seiner Parlamentskollegin Jutta Paulus von den Grünen. Ziel müsse es sein, „sich widersprechende Regeln innerhalb der EU zu vermeiden“, sagt sie. Mit 607 gegen drei Stimmen hat das EU-Parlament deshalb Mitte Februar die EU-Kommission zum Handeln aufgefordert. In dem Beschluss heißt es, die Kommission solle eine klare Definition für illegale „Welpenfabriken“ vorlegen, ein „verpflichtendes System zur Registrierung von Hunden und Katzen“ einführen und für eine „bessere Strafverfolgung und härtere Sanktionen“ sorgen. Derzeit kommen illegale Händler meist mit geringen Geldstrafen davon.

Doch die zuständige EU-Kommissarin Stella Kyriakides scheint nicht geneigt, sich den Kampf gegen den illegalen Welpenhandel zueigen zu machen. Die „alleinige Zuständigkeit für das Wohlergehen von Katzen und Hunden“ liege bei den einzelnen Mitgliedsstaaten, beschied sie dem Parlament. Dies zu ändern, sei nicht vorgesehen. Paulus von den Grünen kritisiert diese Aussage. Die Haltung der Kommission müsse noch einmal überdacht werden.

Die Europaabgeordnete verweist aber auch auf eine sinnvolle Alternative zum Kauf eines Welpen: die Adoption. „In den meisten Tierheimen warten Dutzende Hunde und Katzen auf ein neues Zuhause“, sagt Paulus. „In privatem Besitz mit festen Bezugspersonen fühlen sich die Tiere sicher wohler.“

Zahlen nehmen wieder zu