Berlin / Klaus Wieschemeyer und Michael Gabel Die Wilden von einst haben heute ein klares Ziel: 40 Jahre nach ihrer Gründung wollen sie auch im Bund mitregieren. Pragmatische Kräfte bestimmen längst den Kurs. Von Klaus Wieschemeyer und Michael Gabel

Die chaotische Anfangszeit der Grünen bereitet Michael Kellner 40 Jahre später ganz praktische Probleme: Zur großen Jubiläumssause in Berlin wollte der Politische Geschäftsführer der Partei möglichst viele Gründungsmitglieder einladen. Doch einfach war das nicht. „Die Grünen-Gründerinnen und -Gründer haben sich über vieles Gedanken gemacht, verständlicherweise aber nicht so sehr über das Archiv“, sagt Kellner.

Die Partei, die heute in 11 von 16 Bundesländern mitregiert, entstand im Chaos. Zur Gründung trafen damals insgesamt 1004 Delegierte in der überfüllten Karlsruher Stadthalle aufeinander: Kommunisten und Christen, Atomkraftgegner und Feministinnen, völkische Ökobauern und Friedensbewegte.

Nach zwei turbulenten Tagen voller Streit warf am 13. Januar 1980 um 17.24 Uhr ein Projektor die Worte „Hurra, die Grünen sind da!“ an die Wand des Saales. Die Partei war da, und stritt sofort munter weiter. Zwar hatte der Hauptinitiator, der frühere CDU­-Bundestagsabgeordnete Herbert Gruhl, eine Partei „weder links, noch rechts, sondern vorn“ propagiert. Doch Gruhls wertkonservativer Flügel verlor. Anfang 1981 verließ er die Partei und gründete die ÖDP.

Streit war das Markenzeichen

Auch ohne Gruhl blieb der Streit zwischen Realos und Fundis über Jahrzehnte Markenzeichen der Partei. Erst unter dem maßgeblichen Einfluss von Joschka Fischer entwickeln sich die konfrontativen Grünen zu „Gestaltungsgrünen“, wie der langjährige Parteichef Reinhard Bütikofer sie einmal nannte.

Die Partei erlebte eine wechselvolle Geschichte: Die „Antiparteien-Partei“ von Petra Kelly zog 1983 in den Bundestag ein. 1985 ließ sich Fischer in Turnschuhen als hessischer Umweltminister vereidigen. 1990 folgte der erste Tiefpunkt: Die westdeutschen Grünen flogen aus dem Bundestag, während das aus der ostdeutschen Bürgerbewegung entstandene Bündnis 90 ins Parlament einzog. 1993 fusionierten beide zu einer Partei.

Die erste rot-grüne Bundesregierung ab 1998 wurde ebenfalls zur Bewährungsprobe: Als er 1999 beim Bundesparteitag in Bielefeld für eine Beteiligung der Bundeswehr am Kosovo-Krieg warb, wurde Außenminister Fischer mit einem roten Farbbeutel beworfen.

Und heute? Befinden sich die Grünen unter ihren Chefs Robert Habeck und Annalena Baerbock im Umfragehoch, kratzen an der 100 000-Mitglieder-Grenze – und greifen nach der Macht im Bund. In den 1980ern habe es Streit gegeben, ob man überhaupt regieren wolle, sagt Kellner. „Diese Debatten sind heute überwunden. Heute ist klar: Wir wollen regieren.“ Die Gestalter haben sich durchgesetzt.

Bei so viel grünem Pragmatismus müssten Parteilinke wie die Bundestagsabgeordnete Canan Bayram aus Berlin-Kreuzberg doch eigentlich mit verklärtem Blick auf die Anfangszeit schauen. Doch das Gegenteil ist der Fall. „Wenn ich an diese Zeit denke, sehe ich Bestimmer vor mir, die mit einem sehr rigiden Umgangston andere oft auch niedergemacht haben“, sagt sie. Da sage ihr die jetzige vielfältige Debatte in ihrer Partei viel mehr zu. Inhaltlich aber wünscht sie sich durchaus eine Rückkehr zu früherer Radikalität. Vor allem die Verkehrswende mit dem Ziel autofreier Innenstädte müsse konsequenter als bisher angegangen werden.

Winfried Kretschmann ist der wohl mächtigste „Gestaltungsgrüne“ in Deutschland: Seit 2011 regiert das Gründungsmitglied, das vom Kommunistischen Bund Westdeutschlands zu den Grünen stieß, als Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Den Begriff der „Antiparteien-Partei“ habe er sich nie zu eigen gemacht, sagt der 71-Jährige dieser Zeitung: „Im Gegenteil habe ich schon sehr früh darauf hingearbeitet, dass die Grünen bereit sind zu regieren“, betont er.

Ob der Kretschmann von heute bei den Grünen von 1980 eintreten würde? Diese Frage stelle sich nicht, denn der Markenkern sei derselbe, sagt der zum grünen Oberrealo gewandelte Ex-Kommunist. „Der Kretschmann von heute ist, wie schon vor 40 Jahren, der Überzeugung, dass der ökologische Gedanke fest in der Politik verankert sein muss. Dieser Grundgedanke hat zur Gründung der Grünen geführt, hat den Laden, allen Widrigkeiten und Flügelauseinandersetzungen zum Trotz, zusammengehalten.“

Im Höhenflug