Über die Globalisierung gibt es im Grunde zwei Erzählungen. Die eine feiert sie als größtes Anti-Armutsprogramm der Menschheitsgeschichte, das weltweit den Wohlstand gemehrt und Hunderte von Millionen Menschen aus Elend und Hunger befreit hat. Die andere ist eine Tragödie, in der der Planet zerstört wird und Arbeiter im deindustrialisierten Westen ihre Jobs verlieren. Zwar gilt der letzte Punkt nicht für Deutschland, dennoch pendelt die öffentliche Meinung auch hierzulande immer wieder in Richtung der zweiten Erzählung.

„Der Immer-Weiter-Schneller-Mehr-Kapitalismus der letzten 30 Jahre muss aufhören“, sagt Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Die Krise sei ein Weckruf an die Menschheit, mit Natur und Umwelt anders umzugehen. „Deswegen müssen wir umdenken und können nicht einfach zur Normalität der Globalisierung zurückkehren.“ Für Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) bedeutet Globalisierung „eben leider auch: Klimawandel und Artensterben“. Man müsse darüber nachdenken, ob man es nicht „übertrieben“ habe.

Wenn selbst höchste konservativ-politische Kreisen den Welthandel infrage stellen, muss es wirklich schlecht stehen um die Globalisierung. Wie konnte das passieren?

Jüngster Auslöser für den Unmut sind die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Politiker realisieren plötzlich, dass Medikamente heutzutage meist nicht aus Leverkusen, sondern aus China und Indien kommen. Und Unternehmen, deren Fließbänder stillstanden, mussten am eigenen Leib erfahren, wie riskant es sein kann, wenn man bei der Versorgung mit bestimmten Gütern von einzelnen Ländern abhängig ist.

„Nicht nur Globalisierungsgegner, sondern auch Handelsexperten fordern daher Konsequenzen und erwarten eine Reform dieser Lieferketten, sobald die Covid-19-Krise überwunden ist“, sagt Hartmut Egger, Professor für Internationale Makroökonomik in Bayreuth. Die japanische Regierung hat bereits reagiert, indem sie eine „Rückholprämie“ an ihre Firmen bezahlt: Insgesamt 1,7 Milliarden Euro bekommen Firmen, die ihren Produktionsstandort zurück nach Japan verlagern. Thierry Breton, Handelskommissar der EU, spricht davon, die „strategische Autonomie“ Europas zu vergrößern.

„Wir haben die Sorge, dass der Corona-Effekt eine Deglobalisierung auslösen könnte“, warnt Gabriel Felbermayr, Leiter des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Von 14 auf 25 Prozent stieg der Anteil von Exporten an der Weltwirtschaft zwischen 1990 und 2008. In Deutschland sogar auf mehr als 30 Prozent – kaum ein anderer Staat hat vom Welthandel so sehr profitiert wie die Bundesrepublik.

Dank ihm wurde das Land im Herzen Europas, das gerade mal ein Prozent der Weltbevölkerung stellt, die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Die zunehmende wirtschaftliche Vernetzung habe jedem Deutschen seit dem Mauerfall ein Wohlstandsplus von 1300 Euro jährlich gebracht, hat die Bertelsmann Stiftung 2016 errechnet. Eine Deglobalisierung würde das deutsche Wohlstandsmodell infrage stellen. Ein weiterer Nebeneffekt: Das Leben würde bedeutend teurer.

Die Preise würden steigen

 „Die exakten monetären Auswirkungen sind schwer zu beziffern“, sagt Wirtschaftsprofessor Ronald Bogaschewsky von der Würzburger Julius-Maximilians-Universität. Würden Laptop oder Smartphone zehn, zwanzig oder 30 Prozent mehr kosten? Niemand kann es so genau sagen. Die Wochenzeitung „Welt am Sonntag“ hat sich kürzlich die Mühe gemacht, Preise für alltägliche Gebrauchsgüter auszurechnen, würden sie wieder in Deutschland produziert werden. Eine Strumpfhose würde „Made in Germany“ 24 statt durchschnittlich zehn Euro kosten, ein Stofftier 35 statt zwölf und ein Markenkopfhörer sogar satte 600 statt 200 Euro. Vor allem die Produktionskosten schlagen in den Berechnungen besonders zu Buche.

Ein komplettes Verschwinden globaler Wertschöpfungsketten halten die meisten Experten deswegen für abwegig – die Preise wären den Konsumenten schlichtweg nicht zu vermitteln. „Der Endkunde bezahlt nicht zehn Prozent mehr für ein Smartphone, weil der Hersteller sagt: Die Lieferkette ist robuster“, sagte Post-Chef Frank Appell kürzlich. Er glaubt, dass sich die Lieferketten stattdessen stärker diversifizieren, Unternehmen wichtige Produktionsgüter nicht mehr nur aus einem, sondern aus mehreren Ländern beziehen werden. „Die Globalisierung hat der Menschheit über Jahrzehnte Fortschritt und Wohlstand gebracht. Warum sollen wir das zurückdrehen?“, fragt sich der Chef des weltgrößten Logistikkonzerns.

Dabei ist die Deglobalisierung bereits in Gange. Der Anteil der Exporte sank nach der Finanzkrise 2008 weltweit auf 21 Prozent, in Deutschland auf 26; der Welthandel stagniert im Vergleich zur Entwicklung des Inlands. Die Handelskriege von US-Präsident Trump taten ihr weiteres. Das britische Magazin „Economist“ hat den Vorgang „Slowbalisation“ getauft: kein Ende, sondern eine Verlangsamung der Globalisierung.

Der nächste Rückschlag für den Welthandel ist dabei bereits absehbar, sagt Felbermayr, „nämlich wenn wir zu einer realistischen Bepreisung der CO2-Emissionen im internationalen Transport kommen werden“. Dass Containerschiffe und Flugzeuge in einer sich verschärfenden Klimakrise steuerfrei Diesel und Kerosin verbrauchen dürften, würde nicht so bleiben. „Die Zeichen stehen also klar auf Entschleunigung des Welthandels.“

Deutsche gehören bisher zu den Profiteuren