Ellen Hasenkamp Weite Flächen brennen. Die  Chefs der großen Wirtschaftsnationen, wollen Brasilien zur Annahme von Hilfe gewinnen. Kanzlerin Merkel soll die heikle Mission übernehmen. Von Ellen Hasenkamp

Der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte blättert in seinen Unterlagen, Mitarbeiter wuseln durch den Raum, aber Angela Merkel ist schon ganz im Arbeitsmodus: „Ich habe angekündigt, ihn nächste Woche anzurufen“, teilt sie der Runde ihrer europäischen G7-Kollegen auf Englisch mit. „Damit er den Eindruck kriegt, dass wir nicht gegen ihn arbeiten“. „Ja, ich glaube, das ist wichtig“, stimmt Premier Boris Johnson zu. Auch Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron ist einverstanden.

Es geht um Jair Bolsonaro, den brasilianischen Präsidenten, und es geht um die Feuer im Amazonas. Der brennende Regenwald ist auf die Agenda des Gipfels der sieben mächtigen Industriestaaten gekommen. Und die G7 wollen sich als Krisenfeuerwehr der Welt bewähren – und damit zugleich ihr Bündnis vor dem drohenden Bedeutungsschwund bewahren. Doch als wirksamer Löschschaum taugen die Gipfelbeschlüsse nicht.

Ein Kamerateam hat die Szene am Konferenztisch von Biarritz eher zufällig eingefangen. Sie illustriert das Dilemma: Der Adressat der Botschaft sitzt nämlich einige tausend Kilometer weit weg am anderen Ende des Atlantiks. Als Macron vor ein paar Tagen per Twitter die Vernichtung des für das Weltklima so wichtigen Regenwalds mit den Worten beschrieb „unser Haus brennt“, da entfachte er in Brasilien einen zweiten Feuersturm – von Kritik und Ablehnung nämlich. Kolonialherren-Attitüde und ungebetene Einmischung lauteten die Vorwürfe auch von Bolsonaro selbst.

„Die Lunge unserer Erde ist betroffen“, mahnte auch die Kanzlerin. „Deswegen müssen wir eine gemeinsame Lösung finden.“ Eine Expertise im Kampf gegen brennende Wälder hat Deutschland allerdings nicht. So präsentieren sich die G7 in Sachen Regenwald zwar einerseits voll guten Willens. „So schnell wie möglich“ sollten die betroffenen Länder finanzielle und technische Hilfen bekommen, verkündete Macron. Doch wie die genau aussehen, blieb unklar. Über Geld sei jedenfalls nicht gesprochen worden, hieß es in Diplomatenkreisen.

Merkel will nun dafür sorgen, dass Bolsonaro mögliche Hilfen überhaupt annimmt. Sie sprach in Biarritz darüber auch mit dem chilenischen Staatschef Sebastian Pinera. Der will vier Löschflugzeuge schicken. Immerhin hat Bolsonaro die Brände inzwischen als „Problem“ bezeichnet und das Militär zum Löschen geschickt.

Das „Problem“ ist tatsächlich gewaltig. Laut Satellitenanalysen der Weltraumagentur INPE hat die Anzahl der Waldbrände in Brasilien einen Höchststand erreicht: 85 Prozent mehr Feuer als im Vorjahr seien entdeckt worden. „Die massiven Brände im Amazonas sind eine Katastrophe für das Weltklima, die Biodiversität und die Luft- und Wasserkreisläufe unserer Erde, sagt Matin Qaim, Professor für Welternährungswirtschaft in Göttingen.

Rico Fischer vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung warnt: „Eine vollständige Regeneration dieser Waldflächen wird zirka 100 Jahre dauern.“ Es droht zudem eine gefährliche Spirale: Wegen des Klimawandels könnte die Erholung der Natur noch länger dauern. Gleichzeitig sind Wälder als Treibhausgas-Senken bedeutender denn je. „Der Amazonas Regenwald spielt dabei eine wichtige Rolle, da er fast 80 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichert“, sagt Fischer.

Was also können die G7 tun? Von ökonomischem Druck über ein mögliches Aus für das Mercosur-Freihandelsabkommen der EU mit Südamerika hält Merkel wenig. Irland hatte diese Drohung an die Adresse Brasiliens ins Spiel gebracht, Macron den Gedanken aufgenommen. Doch das Glutnest Handelsstreit wollte Merkel schnell austreten. In Zeiten nachlassender Konjunktur kann sie als Regierungschefin der Exportnation Deutschland eine solche Debatte nicht gebrauchen: Immerhin geht es um die größte Freihandelszone der Welt. Und die ohnehin Brexit-geschwächte EU kann sich einen weiteren internen Konflikt nicht leisten. Johnson, im Vorfeld des G7 als möglicher Störenfried beäugt, liegt ganz auf deutscher Linie: „Das möchte ich nicht sehen“, sagte er zu der Mercosur-Option. Diese wurde in Biarritz auch nur „am Rande“ besprochen, versichern deutsche Diplomaten.

So konnten die G7 beim Thema Amazonas immerhin Einigkeit demonstrieren: Das war bei den übrigen Themen von der Iran-Krise über den Umgang mit Russland nicht unbedingt der Fall.

Überraschungsgast in Biarritz

Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif ist überraschend beim G7-Gipfel im französischen Biarritz eingetroffen. Das bestätigte der Sprecher des Außenministeriums in Teheran, Abbas Mussawi. Die Iran-Krise war eines der Hauptthemen beim G7-Gipfel. Mit der US-amerikanischen Delegation werde Sarif sich nicht treffen, erklärte Mussawi. Der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian habe Sarif eingeladen. Paris schwebt laut diplomatischen Kreisen eine „Pause“ vor, in der es Teheran gestattet werden soll, wieder eine bestimmte Menge von Öl zu exportieren. Gleichzeitig soll der Iran seine Verpflichtungen aus dem Atomabkommen wieder einhalten.

Die USA wollen den Iran mit maximalem politischen und wirtschaftlichen Druck zu einem Kurswechsel in der als aggressiv erachteten Außenpolitik zwingen. Die Wiedereinführung von Sanktionen hat bislang aber nur die Spannungen in der Region weiter angeheizt. Wie Trump auf das Kommen des Iraners reagieren wird, war unklar. dpa