Berlin / Dorothee Torebko Der Pkw-Absatz war selten so niedrig wie in Coronazeiten. Jedoch hat die Elektromobilität im ersten Quartal Auftrieb bekommen und könnte als Gewinner aus ­ der Krise hervorgehen. Von Dorothee Torebko

Seit fast drei Wochen stehen sie wieder am Fließband und bauen Autos – dennoch ist vieles anders. Statt Business as usual gibt es für die VW-Mitarbeiter, die in Zwickau Fahrzeuge zusammenschrauben, Masken- und Handschuhpflicht und Corona-Selbsttests inklusive Temperaturcheck. Der Automobilkonzern hat nach dem Corona-Lockdown als einer der ersten Betriebe mit der Produktion begonnen. In Zwickau arbeiten die Beschäftigten am vollelektrischen ID3, dem mit Abstand wichtigsten Modell für die Wolfsburger. In der Elektromobilität liegt die Zukunft – auch nach Corona.

Das E-Auto sollte 2020 aus gutem Grund durchstarten: Ohne Elektromobilität können die Klimaschutzziele nicht erreicht werden; dann drohen EU-Strafen. Mit dem ID3 will VW das E-Auto für jedermann bauen. Daimler und BMW tüfteln ebenso an elektrischen Modellen und mit der Ansiedlung von Tesla in Brandenburg soll das E-Auto Arbeitsplätze in Deutschland schaffen,  statt nur Jobs zu kosten. Die Regierung pumpt Millionen in den Aufbau einer Ladeinfrastruktur und die Kaufprämien kommen immer besser an.

Debatte im Kanzleramt

Doch Corona machte der Autoindustrie wie so vielen Branchen einen Strich durch die Rechnung. Im April sank die Zahl neu zugelassener Pkw im Vergleich zu März um 61 Prozent. Im Kanzleramt diskutierten deshalb Vertreter der Autobranche und der Autoländer Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen eine Kaufprämie, um den Markt anzukurbeln. Umweltschützer befürchteten ein Revival des Benziners und Diesel-Motors. Doch die Entscheidung wurde verschoben. Experten prognostizieren: Während Konzerne ihre alten Modelle mit Verbrennungsmotoren immer schlechter loswerden, könnte das E-Auto als Gewinner aus der Krise hervorgehen.

Tesla fährt Gewinne ein

„Corona hat der Elektromobilität in Deutschland geholfen“, sagt Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbands eMobilität (BEM). „Das erste Quartal lief hervorragend.“ Insgesamt gab es rund 10 000 Neuzulassungen bei den E-Autos. Das bedeutet einen Marktanteil von 4,8 Prozent – mehr als je zuvor. Im April hielt sich der Marktanteil der elektrischen Antriebe bei 3,8 Prozent. Das hat Sigl zufolge zwei Gründe: „Es gibt heute kaum eine Preisdifferenz zwischen einem neuen Verbrenner und einem E-Auto.“ So erhält man einen elektrisch betriebenen VW mit Prämie für 14 000 Euro. „Außerdem ist die Gegenwehr nicht mehr so groß.“ In Teilen der Bevölkerung herrsche Widerstand gegen die Förderung von Autos mit Verbrennungsmotoren.

Wie man in der Krise Gewinne einfahren kann, zeigt Elektroauto-Pionier Tesla. Als einzige Importmarke schaffte es der US-Konzern bei den Neuzulassungen im April ein Plus: Tesla verkaufte 10,4 Prozent mehr E-Autos als im vorangegangenen Monat. BEM-Präsident Sigl führt zwei Gründe für den Erfolg an. Erstens hatte Tesla eine massive Anzahl an Vorbestellungen des Modells 3, die jetzt ausgeliefert wurden. Zweitens arbeitet der Konzern an drei Standorten – in den USA, Belgien und China. Als in Europa die Fabriken dicht gemacht wurden, konnte Tesla-Chef Elon Musk weiterproduzieren.

Das sieht auch Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, so. Im ersten Quartal habe die Elektromobilität deutlich zugelegt. Damit das auch so bleibe, müsse sich aber Einiges tun. Der Automobilexperte schlägt eine Umweltprämie zusätzlich zur bereits existierenden E-Auto-Prämie vor. Derzeit geben Staat und Hersteller je zur Hälfte bis zu 6000 Euro für ein E-Auto und bis zu 4500 Euro für einen Plug-in-Hybrid hinzu. Bratzel fordert eine Erhöhung auf 10 000 für E-Autos und bis zu 6000 für Plug-in-Hybride. „Die Unsicherheit in Krisenzeiten und gegenüber einer neuen Technologie ist groß. Mit einer erhöhten Prämie zeigt der Staat Vertrauen in die Technologie und kann Unsicherheiten abbauen“, sagt Bratzel.

Doch damit nicht genug. Neben Preis und Reichweite, die immer größer wird, sieht Bratzel noch ein weiteres Hemmnis für den Kauf eines elektrischen Fahrzeugs. „Bei der Infrastruktur muss die Politik mehr Gas geben. Die ist immer noch ein großes Problem“, sagt der CAM-Direktor. Dabei geht es nicht nur darum, dass es überhaupt Ladesäulen gibt. Vielmehr heißt es aus der Branche immer wieder, dass E-Autofahrer an Ladesäulen gar keinen Strom ziehen könnten. „Das ist Gift für die Elektromobilität“, sagt Bratzel. Branche und Politik müssten das in den Griff bekommen. Erst dann könne die Elektromobilität so richtig durchstarten.

Branche erlebt Einbruch