„Ein paar Exemplare mehr als üblich“ habe er schon verkauft von der aktuellen Ausgabe des Pariser Satiremagazin „Charlie Hebdo“, sagt der Besitzer des Zeitungskiosks neben der Metrostation Anvers, „aber von einem Ansturm kann keine Rede sein“. Immerhin: „Charlie Hebdo“ veröffentlichte noch einmal jene Mohammed-Karikaturen, welche dem Blatt vor fünfeinhalb Jahren tödlichen Hass eintrugen. Am 7. Januar 2015 waren zwei Islamisten in das Gebäude der Redaktion in Paris eingedrungen. Im Kugelhagel ihrer Kalaschnikows starben zwölf Menschen.

Die Journalisten von „Charlie Hebdo“ verstehen die Wiederveröffentlichung als einen „Akt des Widerstandes und der Erinnerung“ an diesem Mittwoch, an dem vor einem Pariser Schwurgericht der Prozess gegen 14 mutmaßliche Komplizen der Attentäter eröffnet wurde. 

Unterstützung kommt von höchster Stelle. „In Frankreich“, so betonte Staatspräsident Emmanuel Macron am Dienstag, „gibt es ein Recht auf blasphemische Äußerungen und Darstellungen“ und es sei seine Rolle, diese Freiheit zu schützen. Laut einer Umfrage sehen das jedoch nur 59 Prozent der Franzosen so, selbst wenn eine überwältigende Mehrheit den Anschlag auf „Charlie Hebdo“ kategorisch verurteilt. Aber 29 Prozent der Befragten gaben an, die Empörung über die Mohammed-Karikaturen „verstehen zu können“, unter Franzosen muslimischen Glaubens steigt dieser Anteil auf 83 Prozent, ein Viertel der Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren erklärten sogar, dass sie das Attentat nicht verurteilen könnten.

Kameras zeichnen alles auf

49 Verhandlungstage sind für den Prozess anberaumt, 200 Nebenkläger, fast 100 Anwälte und ebenso viele Journalisten werden im Justizpalast an dem Verfahren teilnehmen. Weil die Gerichtsverhandlung beweisen soll, dass der Rechtsstaat der Herausforderung durch den islamistischen Glaubenskrieg gewachsen ist, wird sie für die Nachwelt komplett von Kameras aufgezeichnet. Doch dass auf der Anklagebank in Paris tatsächlich Terroristen Platz genommen haben, stellen nicht nur die Verteidiger in Frage. Gegen die wichtigsten drei, die sich nach Syrien absetzten und dort möglicherweise ums Leben gekommen sind, muss in Abwesenheit verhandelt werden. Von den übrigen elf Angeklagten wird nur einer der Mittäterschaft beschuldigt, die übrigen lediglich der Beihilfe. Ob sie aber tatsächlich Kenntnis von den Anschlagsplänen hatten oder ob es sich bei ihnen um Gelegenheitsbekanntschaften der Attentäter aus dem Kleinkriminellen-Milieu handelt, die gegen Geld Waffen oder Fahrzeuge beschafften, soll der Prozess bis zum 10. November nun endlich klären. Peter Heusch