Berlin / Igor Steinle Die Covid-19-App soll ab Dienstag zu Verfügung stehen. Die Regierung hofft, mit ihr das Virus besser eindämmen zu können. Wie funktioniert sie? Wie sicher ist sie? Und was bringt sie? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Seit Monaten ist von ihr die Rede, nun wird sie verfügbar: Eine App, die nachträglich darüber informieren soll, wenn man Kontakt zu einer infizierten Person hatte. Die Regierung hofft, mit ihr Infektionsketten schneller nachvollziehen und durchtrennen zu können.

Je früher eine Person über ein Risiko Bescheid weiß, desto schneller kann sie sich testen lassen oder sich in Quarantäne begeben, um andere vor Ansteckung zu schützen. Sollte es zu einer erhöhten Infektionszahl während der Urlaubssaison oder einer zweiten Infektionswelle im Herbst oder Winter kommen, könnte sich die App als nützlich erweisen, so die Hoffnung.

Wie funktioniert die Corona-Warn-App?

Über ein Bluetooth-Signal funkt die App im Abstand von zweieinhalb bis fünf Minuten eine Serie von anonymen Identifikationsnummern (ID) in die nähere Umgebung. Gleichzeitig empfängt das Telefon Signale anderer Telefone in der Nähe. Halten sich Nutzer, die beide die App laufen haben, nebeneinander auf, tauschen die Smartphones ihre IDs aus. Diese Informationen werden zwei Wochen lang auf den Telefonen der Nutzer gespeichert, sodass diese im Falle einer Infektion informiert werden können.

Wie zuverlässig ist das?

Die App wertet die Stärke des Bluetooth-­Signals aus, das sich mit zunehmender Distanz abschwächt. Allerdings wurde die Bluetooth-Technologie „nie für Distanzmessungen entwickelt“, gibt der Lausanner Professor für digitale Epidemiologie Marcel Salathé zu Bedenken. Auch Objekte zwischen den Handys beeinflussen die Signalstärke. Die App weiß zudem nicht, ob man bei möglichen Kontakten mit Infizierten durch Plexiglasscheiben getrennt war oder alle Masken getragen haben. Die Warnmeldung soll deswegen einen Risikowert enthalten, der von mehreren Faktoren bestimmt wird: wie lange liegt der Kontakt zurück, wie lange dauerte die Begegnung, wie stark war das Bluetooth-Signal.

Alle Verantwortlichen betonen deswegen, dass mit der App alleine die Pandemie nicht eingedämmt werden kann. Die Entwickler sind dennoch zuversichtlich: Man habe eine gute Lösung gefunden, mit der man starten kann, „auch wenn wir wissen, dass sie nicht perfekt ist“, sagt SAP-Manager Jürgen Müller. Der Softwarekonzern hat die App gemeinsam mit der Telekom entwickelt.

Was passiert, wenn man eine Warnmeldung erhält?

„Das bedeutet nicht automatisch eine hohe Gefahr“, sagt auch Ute Teichert, Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf. Für eine persönliche Beratung sollte der Betroffene die vor Ort üblichen Anlaufstellen aufsuchen. „Nicht jeder, der eine Warnung auf dem Handy hat, wird auf jeden Fall auch getestet“, so Teichert. Die Meldung sei lediglich ein Hinweis unter anderen, den man im Gespräch mit Experten einordnen müsse.

Was passiert, wenn man sich selbst infiziert hat?

Wer positiv auf Covid-19 getestet wurde, kann das in die App eintragen. Um Missbrauch zu verhindern, muss die Infektion jedoch offiziell bestätigt werden. Das kann entweder über einen QR-Code geschehen, den man vom Testlabor erhält. Alternativ kann man auch eine Nummer eingeben, die man von einer Telefon-Hotline bekommt, da nicht alle Labore in der Lage sind, QR-Codes zu generieren.

Gefährdet die App die Privatsphäre?

Es werden nicht die Identitäten der Anwender ausgetauscht, sondern anonymisierte IDs, die sich mehrfach in der Stunde ändern. Die IDs der Kontaktpersonen werden zudem nicht zentral gespeichert, sondern dezentral auf den jeweiligen Smartphones. Nur die Liste der anonymisierten IDs der Infizierten wird auf einem zentralen Server vorgehalten. Der Abgleich findet aber ausschließlich auf den einzelnen Smartphones statt. Diese Lösung hat nicht nur den Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber überzeugt, der von einer „soliden Lösung“ spricht. Auch der Chaos Computer Club und der IT-Tüv haben nach einer Untersuchung des veröffentlichten Programmcodes bestätigt, dass es keine Hinweise auf Hintertüren oder Anomalien gibt.

Ist die Corona-Warn-App wirklich freiwillig?

Zuletzt sind immer wieder Bedenken laut geworden, Arbeitgeber oder Restaurants könnten die freiwillige App zur Voraussetzung des Betretens von Räumlichkeiten machen. Grüne und Linke fordern ein Gesetz, das das verhindern soll. Laut Regierung verbiete das allerdings schon das geltende Datenschutzrecht. Regierungssprecher Steffen Seibert betont, dass jeder seine Daten jederzeit löschen könne und auch keine Nachteile oder Belohnungen mit der App-Nutzung verbunden sein werden. „Freiwillig heißt freiwillig.“

Wie viele Menschen müssen die App nutzen, damit sie hilft?

Je mehr Menschen die App nutzen, desto besser, betont die Regierung immer wieder. Was die Kompatibilität mit Smartphones angeht, gibt es jedoch Mindestvoraussetzungen. Zudem besitzen vor allem ältere Menschen nicht immer ein Smartphone. Oft wurde eine Studie aus Oxford zitiert, wonach mindestens 60 Prozent der Bevölkerung die App nutzen müssten, damit sie ihren Zweck erfüllt – ein Wert, der nur schwer zu erreichen sein wird. Die Forscher sagen aber auch: „Selbst bei einem geringeren Anteil gehen wir davon aus, dass die Zahl der Infektionen und Todesfälle sinkt.“

Schulen, Kitas, Krankenhäuser, Fitnessstudios sowie Feste, Beerdigungen oder Gottesdienste: Überall gelten unterschiedliche Regeln. Beinahe täglich gibt es Neuerungen und Veränderungen. Ein Überblick, welche Vorgaben aktuell in Baden-Württemberg gelten:

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Millionen Euro kostet die Entwicklung der Corona-Warn-App des Bundes durch den Softwarekonzern SAP und die Deutsche Telekom. Dazu kommen Betriebskosten in Höhe von 2,5 bis 3,5 Millionen Euro monatlich, wovon der Großteil auf den Betrieb von zwei Hotlines bei der Telekom entfällt.