Die Pille, die ewige Jugend verspricht, kostet gerade mal 92 Cent das Stück. Täglich eine davon soll reichen, um den Alterungsprozess in den menschlichen Körperzellen nicht nur zu reduzieren, sondern sogar umzukehren. Eine chemische Verbindung namens „Nicotinamide mononucleotide“, kurz NMN, vollbringt dieses Wunder – zumindest wenn man dem Werbeversprechen des britischen Unternehmens Nadiol folgen mag. Ein Warnhinweis schränkt jedoch ein: Da die klinische Erprobung „noch nicht abgeschlossen“ sei, könne man „keine Garantie für die Wirksamkeit dieser Substanz“ geben. Schade eigentlich.

Es ist ein Menschheitstraum: Wer alt ist und geplagt von Gebrechen, taucht in einen Jungbrunnen ein, tankt dort neue Energie und springt danach umher wie einst mit 20. Gerade heute, in einer Zeit, in der die Werbung kaum noch ohne die Bilder von jungen Menschen auskommt, ist dieser Traum besonders aktuell. Hinzu kommt, dass schwerreiche Internet-Unternehmer die neue Art der Selbstoptimierung mit vielen Milliarden Dollar unterstützen – vielleicht auch, weil sie hoffen, dem Tod dadurch selbst ein Schnippchen schlagen zu können. Davon profitiert ein Wissenschaftszweig, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Geheimnis des menschlichen Alterungsprozesses zu ergründen – und gleichzeitig die Voraussetzungen für ein langes, am besten ewiges, Leben zu schaffen.

Vortrag im T-Shirt

Einer der Stars der Szene ist David Sinclair, Professor an der Harvard Medical School, und ­Autor des Buchs „Das Ende des Alterns“. Seine Vorträge hält der 51-jährige Australier in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen. In einem Youtube-Video steht er auf der Bühne und erklärt seinem Publikum – in freier Rede ohne Manuskript –, wie es sich genau verhält mit dem Altern der menschlichen Zellen. Auch Sinclair hält „Nicotinamide“, die nichts mit Zigaretten, dafür etwas mit dem Vitamin B Nicotinsäure zu tun haben, für ein geeignetes Mittel auf dem Weg zu einem längeren Leben. Aber anders als die Verkäufer von Pillen und Pülverchen verspricht der Forscher keine Wunder, sondern erzählt von den vielen Schwierigkeiten, die es noch zu überwinden gilt. Optimismus verbreitet Sinclair dennoch: „Irgendwann werden wir das Altern verlangsamen und vielleicht sogar rückgängig machen können.“

Vor allem Forschergruppen in Kalifornien betreiben erheblichen Aufwand, um den Geheimnissen des Alterns auf die Spur zu kommen. Sie untersuchen beispielsweise, wie Mäuse-Zellen auf die Gabe von jungem Mäuseblut reagieren. Zwischenergebnis: Die Alterungsprozesse lassen sich aufhalten. Nur inwieweit sich die Erkenntnisse auf den Menschen übertragen lassen, ist ungewiss. Beim Google-Ableger Calico erhofft man sich Aufschlüsse über den Gewinn von Lebenszeit, indem man die Gene des Nacktmulls analysiert. Das Besondere an dieser Nagetier-Art: Manche Exemplare scheinen nicht zu altern und sterben erst mit 30.

Christoph Englert vom Leibniz-Institut für Alternsforschung in Jena geht einen anderen Weg. Ihn interessiert, was helfen kann, damit sich menschliche Organe gut regenerieren. Da diese Fähigkeit bei Fischen deutlich besser ausgeprägt ist, hat er in seiner Arbeitsgruppe einen durchsichtigen Fisch erzeugt, der es erlaubt, bei der wissenschaftlichen Arbeit in sein Inneres hineinzuschauen. „Wir sehen, wie der Fisch altert, können aber auch studieren, wie er es schafft, Schäden an Leber, Niere Herz, Gehirn oder Schwanzflosse in relativ kurzer Zeit zu reparieren“, sagt der Professor für Molekulare Genetik dieser Zeitung. Er sei davon überzeugt, dass irgendwann auch menschliche Nieren durch Regeneration gerettet werden können – „in den nächsten 20 Jahren vielleicht“. Der Mensch insgesamt altere dann zwar weiter. Seine Niere sei dann aber länger funktionsfähig – was dem einzelnen Patienten weitere gesunde Lebensjahre schenken könne.

Von Spekulationen, dass der Menschen dank künftiger Forschungsergebnisse zu 1000 Jahre alt werden können, hält Englert überhaupt nichts. „120 Jahre plus minus“ sei ein realistischer Wert – also die Altersregion des ältesten Menschen, der jemals auf der Erde lebte: die Französin Jeanne Calment, die 1997 mit 122 Jahren starb. Der Jenaer Forscher weiß aber auch, dass mit spektakuläreren Ansagen mehr Aufmerksamkeit zu erzielen und damit auch mehr Geld zu machen ist.

Wie groß der potenzielle Markt für Verjüngungsmittel ist, lässt sich zwar nicht seriös bestimmen. Web.de-Gründer Michael Greve, der selbst viel Geld in Verjüngungs-Startups investiert hat, geht aber von weltweit bis zu vier Milliarden möglichen Kunden aus.

Ein Blick auf die Lebensumstände des Nacktmulls zeigt allerdings die Grenzen des ganzen Optimierungswahns: Ja, jedes einzelne Nacktmull-Exemplar könnte dank seiner guten Gene 30 Jahre alt werden. Doch die meisten sterben lange vor ihrer Zeit – an Kämpfen, die sie sich untereinander liefern, und an Stress.

Immer länger leben