Berlin / Mathias Puddig / NBR Mit Verspätung werden nun auch die Todesfälle von DDR-Bürgern an den Außengrenzen des Ostblocks untersucht. Erste Ergebnisse zeigen: Es starben mehr, als man bislang dachte.

150 Meter fehlten Andreas Stützner in die Freiheit. 1980 reiste der Elektriker aus Leipzig mit seinem Freund Detlef Heiner nach Bulgarien. Ihr Ziel: Griechenland. Sie dachten, der Eiserne Vorhang sei dort leichter zu überwinden als an der innerdeutschen Grenze – ein Irrtum. Sie wurden von Grenzern erschossen. Lange hieß es, sie seien vor ihnen geflohen. Dass sie geradezu hingerichtet wurden, ist neu.

„Wir haben die Obduktionsberichte zufällig beim Durchsehen der Unterlagen gefunden“, sagt Jochen Staadt von der Freien Universität Berlin. Staadt leitet eine Projektgruppe, die sich mit den Grenztoten beschäftigt, die nicht an der innerdeutschen Grenze ums Leben gekommen sind. Seit einem Jahr forschen er und seine Kollegen von der FU sowie von den Universitäten Greifswald und Potsdam zu dem Thema, und auch wenn sie noch keinen Überblick über alle Fälle geben können, sagt Staadt: „Dass es so viele sind, das wussten wir nicht.“

Noch 1989 sind mindestens 18 DDR-Bürger auf der Flucht ums Leben gekommen. Viele ertranken in Grenzflüssen, die meisten waren noch sehr jung. Auch Stützer und Heiner wurden nur 19 Jahre alt. Ihre Leichen wurden später nach Leipzig zurückgebracht, wo sie untersucht wurden. Die Ergebnisse, dass keiner der beiden von hinten erschossen wurde, wurden aber geheim gehalten. Bislang sind vor allem die Todesfälle an der deutsch-deutschen Grenze untersucht worden, jetzt folgen die an den Außengrenzen des Ostblocks. „Da gab es auch Grenztruppen und Signalzäune“, sagt Staatdt.

„Gewissheit und Gerechtigkeit“

Die deutschen Forscher arbeiten dafür mit Kollegen in den Ländern selbst zusammen. Möglich ist das, weil dort in den Archiven jetzt jüngere Menschen beschäftigt sind, die nichts mehr mit den Vorgängersystemen zu tun haben. Finanziell wird das Projekt zudem vom Bundesforschungsministerium unterstützt. Ministerin Anja Karliczek (CDU) sagte dieser Zeitung: „Die Forschenden leisten mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zu Gewissheit und auch Gerechtigkeit. Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall haben wir die Pflicht, genau hinzuschauen, was damals passiert ist.“

Das spielt auch für viele Hinterbliebene eine Rolle. „In den Unterlagen, die sie zu sehen bekommen haben, werden die Opfer oft als Verbrecher, als Asoziale dargestellt“, sagt Staadt. Viele Angehörige seien froh, dies zu korrigieren und Gewissheit über die Schicksale zu bekommen. Sie ahnten ja, dass die offiziellen Varianten falsch sind. Als den Eltern von Andreas Stützer und Detlef Heiner die Übergabe der Kleidung ihrer toten Söhne verweigert wurde, vermutete einer der Väter: „Die hat wohl zu viele Löcher.“ Mathias Puddig