Berlin / André Bochow / NBR Die Wildnis kehrt scheinbar in die Städte zurück, und der CO2-Ausstoß sinkt. Die Corona-Krise hilft der Umwelt. Möglicherweise aber nur kurzzeitig. Von André Bochow

Pumas in Santiago de Chile, Kojoten in New York, Delfine im Bosporus. In deutschen Städten tummelten sich Füchse, Wildschweine und Singvögel in scheinbar nie gekanntem Ausmaß. Durch die Städte Sri Lankas spazierten Hirsche, in Tel Aviv trafen Jogger auf Schakale und durch walisische Städte liefen wilde Kaschmirziegen. Ob Wildschweine auf einer Kreuzung in Haifa oder Damwild auf einer in London – schuld an dem Vorstoß der Fauna hatte Corona. Die Menschen hatten sich weitgehend zurückgezogen. Die Lärmverschmutzung sank ebenso auf ein Minimum wie die Luftverschmutzung. Und der globale CO2-Ausstoß soll nach Expertenschätzungen in diesem Jahr um fünf  bis sechs Prozent weltweit sinken. Hat die Virusausbreitung also auch positive Effekte? Für das Klima, für Flora und Fauna?

Die Antwort auf diese Frage ist nicht eindeutig. „Kojoten gibt es in New York schon seit zehn Jahren,“ sagt Derk Ehlert, Wildtierbeauftragter der Berliner Senatsverwaltung. Pumas leben schon lange an der Peripherie der chilenischen Hauptstadt und Füchse waren in Berlin durchaus vor Corona verbreitet. Auf die Fläche gerechnet leben in Berlin fünfmal mehr Füchse als im Wald. Mit oder ohne Corona. Nur zeigten sie sich jetzt auch am Tage und auf verlassenen Schulhöfen. Auch Wildschweine, Marder und Dachse erobern seit Jahren deutsche Städte. Das Nahrungsangebot ist vorzüglich, und vor der Jagd sind die Tiere sicher. In Berlin trieb sich sogar eine Wölfin vier Tage lang im Stadtgebiet herum – kurz vor der Corona-Krise.

Stillstand war zu kurz

Tatsächlich war die Phase des Stillstandes viel zu kurz, als dass Flora und Fauna es hätten schaffen können, das Stadtleben fundamental zu verändern. Experten gehen davon aus, dass es Jahrzehnte dauert, bis die Wildnis verlassene, urbane Räume zurückerobert. Doch es wurde deutlich, wie schnell zumindest manche Tierarten sich auf neue Bedingungen einstellen. Wobei es seitens der Wildtiere einer ordentlichen Portion Integrationsbereitschaft bedarf. So wird der Fuchs in der Stadt vom Jäger zum eher meist unauffälligen Nahrungssammler. Wölfe dürften da größere Schwierigkeiten haben.

Die Wochen der Pandemiebekämpfung hatten aber noch andere Auswirkungen, die Natur und Umwelt betreffen. Laut der Internationalen Energie-Agentur (IEA) in Paris führt die Krise in diesem Jahr zu einem einzigartigen Rückgang des weltweiten Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen. Die Nachfrage nach Energie werde laut IEA global um sechs Prozent fallen. Das entspricht dem Energieverbrauch Indiens – der größte Schock für die Branche seit 70 Jahren. In den USA werde die Energienachfrage um neun, in der EU um elf Prozent sinken. Die vom Energiesektor verursachten CO2-Emissionen gehen in diesem Jahr um  acht Prozent zurück und erreichen den niedrigsten Stand seit 2010. Der Rückgang ist sechs Mal so hoch wie in Zeiten der Finanzkrise 2009. „Kein Grund zum Jubeln“, findet IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol. Der historische Rückgang „resultiert aus vorzeitigen Todesfällen und einem wirtschaftlichen Trauma rund um die Welt.“ Im Kampf gegen die zu große Erwärmung des Planeten werde es trotzdem helfen. Die Erfahrungen aus der Finanzkrise aber zeigen: Es ist ein starker Anstieg bei den CO2-Emissionen zu erwarten, wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen wieder verbessern. Das Pendel schlägt dann zurück.

Es sei denn, die Chance zur Umgestaltung der Wirtschaft wird genutzt. „Wir müssen den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft entschlossen gestalten und in eine sozial gerechte und naturfreundliche Zukunft investieren“,  sagt Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger. „Nur so können wir die Folgen der Corona-Krise bewältigen und nur so schaffen wir es auch aus den großen Umweltkrisen.“

Die Umweltorganisation präsentiert auch gleich eine von ihr in Auftrag gegebene Umfrage. Danach sind 84 Prozent der Befragten der Meinung, dass Deutschland jetzt als Antwort auf die Corona-Krise in Bereiche investieren soll, die Umwelt und Klima schützen und den Klimawandel deutlich verlangsamen. Ob die Deutschen auch ihr Reise-und Konsumverhalten ändern oder alles Verpasste nachholen wollen, wurde nicht gefragt.

Klimaziele weiter gefährdet