Warum werden Politiker mit 20 Bundestagsabgeordnete und müssen nicht einen Beruf erlernt haben?“, fragt eine Eberswalderin und richtet den Blick zum Podium. Dort sitzt Tino Chrupalla und nickt. „Ich bin erschüttert, wenn ich in den Bundestag blicke“, sagt er. Die Bürger, die sich im Brandenburgischen zum Gespräch mit dem AfD-Chef versammelt haben, lachen, nicken, klatschen. „Ich bin Malermeister und ich bin ganz ehrlich –  das hat mir mehr Spaß gemacht als das, was ich jetzt mache.“

So wie der Parteichef im Zwiespalt mit seiner neuen Rolle steht, so geht es der gesamten Partei. Chrupalla führt die AfD zusammen mit Jörg Meuthen erst seit einem dreiviertel Jahr. Die Monate waren geprägt von dem Machtkampf zwischen Rechtsradikalen und Rechtskonservativen, zwischen Ostverbänden und Westverbänden. Sie zementierten den Riss, der durch die Partei und nun durch den Vorstand geht. Der Konflikt zeigt auf, was droht, wenn die Themen wegbrechen. Corona hat das Mobilisierungsthema der AfD, die Flüchtlinge, überlagert, die Lieblingshassfigur der Partei, Kanzlerin Angela Merkel, ist populär wie nie. Ist Spaltung das Schicksal der AfD?

Chrupallas Amtskollege Meuthen hatte diese vor vier Monaten auf die Spitze getrieben, indem er den Rechtsextremisten Andreas Kalbitz aus der Partei schmiss, mit einer knappen Mehrheit im Bundesvorstand. Das war eine Kriegserklärung an den rechten Rand der Partei. Der Graben, der die Gemäßigten und die Ultra-Rechten lange trennte, war damit sichtbar geworden.

Kalbitz klagte gegen seinen Rauswurf und scheiterte bislang in allen Instanzen. Dann wurde auch noch dieser Vorfall öffentlich, wo der Noch-Fraktionschef den Fraktionsvize Dennis Hohloch so heftig und angeblich freundschaftlich in den Bauch boxte, dass dieser mit einem Milzriss ins Krankenhaus musste. Kalbitz musste zurücktreten. Er und damit die rechtsextremistischen Kräfte scheinen als Verlierer dazustehen, Meuthen als Gewinner.

Meuthen plagt die Sorge, dass die AfD vom Verfassungsschutz beobachtet werden könnte, wenn die Ultrarechten in der Partei bleiben. Denn dann würden viele bürgerliche Anhänger abgeschreckt und viele Beamte müssten womöglich austreten. Andererseits machte sich Meuthen mit seinem Vorstoß Feinde: den formal aufgelösten „Flügel“ mit Björn Höcke, die Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Alexander Gauland und Alice Weidel, – und seinen Co-Vorsitzenden Chrupalla, der gegen Kalbitz‘ Rauswurf gestimmt hatte.

In sozialen Netzwerken wird Meuthen als „Totengräber der AfD“ bezeichnet. Ihm hängt zudem eine Parteispendenaffäre an. Und er muss sich einem Machtkampf mit Weidel stellen. Sie gehören beide dem Landesverband Baden-Württemberg an. Weidel will sich noch in diesem Herbst auf die Landesliste der Kandidaten zur Bundestagswahl setzen lassen und setzt den Parteichef damit gehörig unter Druck.

Auf der anderen Seite muss die völkisch-nationale Strömung um Höcke mit dem Weggang von Kalbitz klarkommen. Der Brandenburger galt als Strippenzieher im aufgelösten „Flügel“, der Menschen gegeneinander ausspielte. Davon profitierte Höcke, dem diese machtpolitischen Fähigkeiten aber nicht zugesprochen werden. Von mehreren Stellen ist aus der Partei zu hören, dass der Thüringer Fraktionschef mit dem Ausschluss von Kalbitz an Bedeutung verlieren werde. Auch gebe es keinen, der in die Fußstapfen von Kalbitz treten und dem vornehmlich im Osten wirkenden völkisch-nationalen Lager Struktur geben könne. Sind die Rechtsaußen-Kräfte damit erledigt? Täten sie sogar besser daran, sich abzuspalten?

Auf den Kurs Meuthens angesprochen sagt Chrupalla, er habe immer wieder auf die parteipolitischen Risiken dieses Kurses hingewiesen. Das Verfahren, wie er bei der Bundesvorstandssitzung vor vollendete Tatsachen gestellt wurde, habe er als falsch empfunden. Und wie steht es denn dann um das Verhältnis zu Meuthen? „Es hat unterschiedliche Ansichten gegeben“, gibt der Sachse zu, „aber zu Jörg Meuthen habe ich ein kollegiales Verhältnis. Wir arbeiten zusammen.“

Eine Abspaltung des „Flügels“ hält der Berliner Fraktionschef der AfD, Georg Pazderski, für ausgeschlossen. Er verweist auf die bisherigen Abspaltungsversuche. Bernd Luckes, Frauke Petrys und André Poggenburgs Parteien seien allesamt in der Versenkung verschwunden. „Wer geht, verliert“, sagt Georg Pazderski. Wie schwierig ein Ausschluss sei, habe die SPD mit dem unliebsamen Thilo Sarrazin gezeigt, sagt Pazderski. Deshalb verfolgt er – wie so viele – den Ansatz: „Manchmal muss man auch mit Parteifreunden zusammenarbeiten, mit denen man nicht immer einer Meinung ist.“

Chrupalla will nichts von einem Riss in der Partei wissen. „Eine Spaltung wird es unter meiner Führung nicht geben“, betont er. „Die Partei befindet sich in einem Entstehungsprozess und durchlebt Flügelkämpfe. Das ist bei einer jungen Partei so.“ Chrupalla sieht sich als Brückenbauer. „Ich möchte integrativ wirken, auf die unterschiedlichen Lager zugehen und zuhören“, sagt er. „Das kann ich schaffen.“