München/Bonn / Elisabeth Zoll Kardinal Reinhard Marx hat den Reformprozess unter den Katholiken maßgeblich angestoßen. Das hat ihm unter den Bischöfen Gegner beschert.

Die sichtbare Gelassenheit täuscht. Auch der ein oder andere Scherz mit seinem Sitznachbarn Thomas Sternberg, dem offiziellen Gesicht der katholischen Laien in Deutschland, fegt die Anspannung nicht weg. Für Kardinal Reinhard Marx ging es in den letzten Januartagen beim so genannten Synodalen Weg um Entscheidendes: die Ausrichtung der katholischen Kirche in Deutschland und damit auch die Richtung, in die er sie als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz führen wollte. Anfang März gibt Kardinal Marx das Amt in der Bischofskonferenz ab.

Der innerkirchliche Richtungskampf ist damit nicht entschieden. Die Fronten sind klar. Unter den Bischöfen hält eine kleine Minderheit um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki Reformen für einen Irrweg. Die Bremser versuchen, die Aufgeschlossenen zu blockieren. Ein Brückenschlag zwischen den Lagern scheint kaum möglich.

Ein Schwergewicht

Dabei war Marx 2014 auch wegen seiner Fähigkeit zum Brückenbau an die Spitze der Bischofskonferenz gewählt worden. Er gilt als jovial, mit großem kommunikativen Talent. Ein Schwergewicht, zupackend und entscheidungsstark. Nach Veröffentlichungen zum Missbrauchsskandal war damals die katholische Kirche in schweres Fahrwasser geraten. Dem konservativen, aber als offen geltenden Marx wurde zugetraut, das Kirchenschiff durch den Sturm zu steuern. Er tat das dann auch mit der ihm eigenen Leidenschaft und Wucht.

Doch aus dem Sturm ist in seiner Amtszeit ein Orkan geworden. Der Streit über den Kommunionempfang evangelischer Ehepartner von Katholiken wurde teils mit Härte ausgetragen. Dazu kamen immer neue Details zum Missbrauchsskandal. Forscher legten offen, dass sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche durch ein überhöhtes Priesterbild, das Machtgefälle zwischen Klerikern und Laien, eine fragwürdige Sexualmoral und die Ausgrenzung von Frauen begünstigt wird.

Marx plädiert für einen grundlegenden Wandel. Der Westfale spricht sich für eine Lockerung des Zölibats, eine stärkere Beteiligung von Frauen aus. Das nährt Gegnerschaft.

Rückendeckung hat er sich für seinen Kurs immer wieder bei Papst Franziskus geholt. Als Mitglied der Kardinalsgruppe zur Kurienreform und des Wirtschaftsrat des Papstes gilt der 66-Jährige als gut vernetzt in Rom. In Rom werden ihm diese Aufgaben wohl bleiben.

 Für die katholische Kirche in Deutschland ist der angekündigte Rücktritt eine Zäsur. „Kardinal Marx hat Großartiges geleistet für die Rückgewinnung von Vertrauen und Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche“, würdigt Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der katholischen Laien. Der Kardinal habe „die Hoffnung auf ein neues Bild der Kirche in Deutschland“ verkörpert.  Elisabeth Zoll