Berlin / André Bochow Corona hat längst auch Afrika erreicht. Dort kämpfen die Menschen aber vor allem mit den Folgen der Maßnahmen gegen das Virus. Es drohen Terror und Massenflucht. Von André Bochow

Es gibt in Afrika und außerhalb des Kontinents die Meinung, dass hohe Temperaturen und die im Durchschnitt sehr junge Bevölkerung die Ausbreitung von Covid-19 stark bremsen werden. John Nkengasong, Direktor der panafrikanischen Gesundheitsbehörde Africa CDC, kennt die vergleichsweise niedrigen Zahlen der Infizierten. Aber er warnt vor voreiligen Schlüssen. „Es gibt bislang keine belastbaren Belege dafür, dass irgendwelche Faktoren spezifisch für Afrika im Zusammenhang mit Corona sind.“

Das deutsche Entwicklungsministerium (BMZ) verweist darauf, dass sich das Virus mit einer Verzögerung von zwei Monaten in Afrika rasant ausbreitet. „In der vergangenen Woche hat sich die Zahl der Infizierten um 50 Prozent erhöht“, heißt es in einem BMZ-Papier. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rechnet mit bis zu zehn Millionen Infizierten in den nächsten drei bis sechs Monaten. Die WHO warnt außerdem vor einem Epizentrum der Pandemie im subsaharischen Afrika, wo bis zu 300 000 Todesopfer zu befürchten seien.

Corona trifft in den meisten afrikanischen Ländern auf desolate Gesundheitssysteme. Nach einer Studie des Imperial College London könnte Covid-19 in Afrika bis zu drei Millionen Todesopfer fordern, wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden. So wie überall auf der Welt, erlebt jedoch auch Afrika einen Lockdown. Mehr noch als anderswo zeichnet sich ab, dass nun die Schutzmaßnahmen zum Problem werden.

„Millionen Menschen in Afrika und anderen Teilen der Welt stehen vor einer tragischen Wahl“, sagt Kathryn Trätzsch, Krisenmanagerin bei der Kinderhilfsorganisation World Vision. „Sie können sich entweder dem Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus aussetzen, oder sie verlieren ihre Einnahmen und setzen sich und ihre Kinder der Gefahr aus, an den Folgen von Mangel- oder Unterernährung zu sterben.“

Lieferketten brechen zusammen. Geschlossene Grenzen behindern massiv den Zugang zu lokalen Märkten. Ausgangssperren, geschlossene Geschäfte und das Sinken der Überweisungen aus dem Ausland lassen Armut und Hunger zunehmen. Die zahlreichen Einschränkungen behindern auch den Kampf gegen andere Krankheiten wie Malaria oder die Masern. Wegen der ausgefallenen Transportmöglichkeiten mussten Impfkampagnen gestoppt werden. Die WHO fürchtet, dass in Afrika in diesem Jahr doppelt so viele Menschen Malaria zum Opfer fallen wie in anderen Jahren. Im schlimmsten Fall wären das 769 000 Tote südlich der Sahara. An Covid-19 sind in Afrika offiziell bislang etwas mehr als 2000 Menschen gestorben.

Vor allem in Kenia, Somalia und Äthiopien gibt es eine weitere Katastrophe: die schlimmste Heuschreckenplage seit Jahrzehnten. Auf hunderttausenden Hektar Ackerland sind die Ernten bereits vernichtet. Dabei verstärken die Krisen einander. Die Plage führt zu Nahrungsmangel, und „durch Mangelernährung sind die Menschen anfälliger für Krankheiten wie das Coronavirus“, sagt Malte Landgraff von der Johanniter-Auslandshilfe. „Maßnahmen und Logistik, die der Bekämpfung der Heuschreckenplage dienen, sollten von den Bewegungseinschränkungen ausgenommen werden, damit Hilfsorganisationen gemeinsam mit der betroffenen Bevölkerung weiter gegen die Heuschrecken vorgehen können.“ Nichtregierungsorganisationen berichten, dass sie wegen Versammlungsverboten keine Hilfsgüter verteilen können und dass wegen der Grenzschließungen keine Pestizide zur Bekämpfung der Heuschrecken in die betroffenen Länder gelangen.

Der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sieht außerdem die Gefahr des wachsenden Einflusses von Terrorgruppen wie Boko Haram in von Hunger geschwächten Staaten. „Diese Hungerkatastrophe nutzen terroristische Gruppen bereits gezielt, um Regierungen zu stürzen. Schon jetzt gibt es in vielen Ländern eine Zunahme der Binnenflüchtlinge wie nie zuvor. 20 Staaten sind nahe am Bankrott. Dann bricht alles zusammen, keine Ärzte, keine Polizei. Den Menschen bleibt nur noch eines: Flucht.“

Müller erwartet, dass die Europäische Union 50 Milliarden Euro für Afrika und den Nahen Osten für die Überwindung der Pandemie-Folgen bereitstellt. Die Realität sieht anders aus. „Bisher hat die EU kein frisches Geld zur Verfügung gestellt“, klagt der Minister. „Wir müssen den europäischen Rettungsschirm mit eine Komponente Afrika versehen. Aber im ersten Schritt geht es um die Verhinderung einer gewaltigen Hungerkrise.“ Deutschland soll nach seinem Willen mehr als vier Milliarden Euro zur Verfügung stellen.

Desolates Gesundheitssystem