Berlin / Von Maria Neuendorff Die Wahl der Lebensmittel wird mehr und mehr zum politischen Statement. Am besten lassen sich Produkte mit guten Geschichten verkaufen. Von Maria Neuendorff

Der Star auf der Grünen Woche in Berlin trägt eine grauglänzende Schürze und wühlt in einer Schüssel mit Spitzkohl. Auf den Holzbänken vor dem Kochstudio der weltgrößten Ernährungsmesse sitzen Senioren und schauen zu, wie Jörg Thiele Grützwurst vom Darm befreit, sie salzt, pfeffert und in Mehl wendet. Sie hängen an seinen Lippen, als würde er ihnen gleich das Rezept für ewiges Leben verraten. „Buchweizengrütze aus Schrotweizen hat einen enormen Nährwert. Das war früher wichtig für die Leute, die jeden Tag auf dem Feld arbeiten mussten“, erklärt Thiele, der nun die DDR-typische Wurst aus Blut und Weizen unter dem Titel „Grützwurst-Crispy“ in panierte goldbraune Bällchen verwandelt.

Der 41-Jährige war schon Hotelkoch, gastronomischer Berater, Food Stylist und Finalist der TV-Kochshow „The Taste“. Er ist Teil eines riesigen Marktes, der in den vergangenen Jahren rund um das Thema Ernährung entstanden ist. Allein für Bücher über Essen und Trinken geben die Deutschen pro Jahr rund eine halbe Milliarde Euro aus. Ob für Veganer, Lakto-Vegetarier, Flexitarier, Frutarier, Ovo-Lakto-Vegetarier oder Paleo-Steinzeitdiätler: Für jeden Ernährungstrend gibt es selbsternannte Experten, die ihrer Zielgruppe das Gefühl geben, einer gesundheitsbewussten und umweltschonenden Gemeinschaft anzugehören.

Das Ziel ist heute nicht mehr, einfach nur satt zu werden. Essen wird mehr und mehr zur Religion, zum Ausdruck der persönlichen Lebenseinstellung. Mit der richtigen Auswahl der Lebensmittel lässt sich die Welt verbessern, glauben immer mehr Verbraucher. Die Nahrungsaufnahme ist zum politischen Statement geworden.

 „Kauft bitte Butter aus der Gläsernen Molkerei und Gurken der Firma Rabe aus dem Spreewald“, rät Thiele den Messebesuchern. Das so genannte Pankomehl, in dem er nun die Grützwurst wie ein Schnitzel wälzt, damit die Panade schön „crispy“ wird, solle man am besten in der Spreewaldmühle kaufen.

Eigentlich könnten Gewiefte zu Hause auch einfach nur alte getrocknete Brotkrumen im Mixer zermahlen. Doch Thiele soll als „Genussbotschafter“ des Spreewaldes vor allem Touristen in die Region südlich von Berlin locken. Nebenbei macht der vom Restaurantführer „Gault&Millau“ ausgezeichnete Koch eine Ausbildung zum Fährmann, um im Frühling kulinarische Kahnfahrten anbieten zu können.

Denn das Essen soll heute auch ein besonderes Erlebnis sein. Exklusive Grillkurse haben deutschlandweit selbst im Winter Hochkonjunktur. Die „Iller-Factory“ in der Nähe von Ulm bietet zum Beispiel das gemeinsame Fleischwenden als „Teambuilding-Event“ an. Die hochwertigen Holzpelettgrills des Unternehmens Weber, das hinter den Kursen steht, werden dabei gleich mitvermarktet.

Doch nicht jeder kann sich einen Smoker für 1500 Euro aufwärts und die entsprechende Terrasse dazu leisten. In der alten Markthalle IX in Berlin-Kreuz­berg ist deshalb ein Klassenkampf ausgebrochen. Eine Kiez-Initiative übergab am Montag 5300 Unterschriften für den Erhalt eines Aldi-Discounters in der 1891 eröffneten Markthalle an Politiker. Die Betreiber, die auf kleine feine Stände mit Bio- und Regionalkost sowie internationalen Delikatessen setzen, wollten dem Discounter kündigen. Während zum „Street Food Thursday“ vor allem Berliner Hipster und Touristen hochpreisige Smoked-BBQ-Sandwiches, peruanische Meeresfrüchte-Suppe und Allgäuer Käs­spatzen genießen, hat die Anwohnerschaft, die zu 25 Prozent Sozialleistungen bezieht, Angst, in der Halle keine erschwinglichen Lebensmittel mehr für den täglichen Bedarf zu bekommen. So wird das alternative Markthallenkonzept, das vor zehn Jahren im grün regierten Berlin-Kreuzberg noch als Revolution gefeiert wurde, inzwischen als Gentrifizierungs-Monster wahrgenommen, das Verbraucher in Arm und Reich trennt.

„Das, was heutzutage als elitärer Luxus gilt, wird auch irgendwann die breite Masse erreichen“, glaubt dagegen Anja Kirig, Trendforscherin vom Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main. Das sehe man an den Bio-Produkten, die inzwischen in Discountern Einzug gehalten haben. Die Zukunftsforscherin sieht dagegen eher eine andere neue Kluft entstehen. „Während die Generation Mitte dreißig und aufwärts vor allem an authentischen Ess-Erlebnissen interessiert ist, können sich Jüngere vorstellen, für den Tier- und Klimaschutz im Labor gezüchtetes Fleisch zu essen“, erklärt die Zukunftsforscherin.

Die Unternehmensberatung A.T. Kearney prognostiziert dagegen, dass vegetarische Burger und Wurst bis 2040 einen Marktanteil von bis zu 60 Prozent erreichen könnten. Schon heute hat der Lebensmittelkonzern Nestlé eine vegane Bratwurst aus Algen, Paprika und Rapsöl im Angebot. Weil das Essen vor allem eine Frage des Gewissens geworden ist, werden auf der Grünen Woche bis Sonntag auch Limonade aus Orangenschalen, Müsli aus überreifen Bananen und Bier aus altem Brot verkostet.

Doch ob Innovation oder jahrhundertealte Tradition: „Sie brauchen heute zu jedem Produkt eine Geschichte“, sagt Gunter Hahn, Brennermeister aus Baden-Württemberg. Seine Destillat-Manufaktur am Fuße der Schwäbischen Alb befindet sich seit dem 19. Jahrhundert in Familienhand. Wer seine Wildobstbrände kauft, erfährt an Hahns Messestand, dass er damit auch die Pflege von naturnahen Streuobstwiesen unterstützt. Selbst das Wermutkraut des eigentlich aus der Schweiz stammenden Absinth sei schon um 1850 von armen Leuten im Ulmer Schmiechtal gesammelt und von Apothekern zu medizinischen Ölen verarbeitet worden, berichtet Hahn.

„Die Leute wollen so etwas hören, um das Regionale hochleben zu lassen“, sagt der 61-Jährige, der seinen Absinth aus heimischen Albkräutern plus Historie auch auf der „Food & Live“ in München und bei der „Schön & Gut“-Messe“ im heimischen Kornspeicher verkostet. „Bio wird bei uns längst nicht so angenommen. Regionalität dagegen zu 100 Prozent.“

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Millionen Euro geben die Deutschen pro Jahr für Bücher rund um die Themen Kochen und Ernährung aus. Das berichtet der Börsenverein des deutschen Buchhandels.