Berlin / Michael Gabel / NBR Gesellschaft Kindesmissbrauch und Kinderpornografie beschäftigen immer öfter die Gerichte. Sieben Erkenntnisse über Pädo-Kriminalität. Von Michael Gabel

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Fälle von Kindesmissbrauch öffentlich werden. So starten heute gleich drei Gerichtsverfahren – in Bielefeld gegen einen Physiotherapeuten, in Ravensburg gegen einen Schulbusfahrer und in Hildesheim gegen ein Betreuer-Ehepaar. Erst vor einer Woche wurden die Täter von Lügde verurteilt, davor beschäftigte der Fall Staufen monatelang die Öffentlichkeit. Hinzu kommen die zahlreichen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche und an Internaten. Auch Prominente sind involviert: In den USA unterhielt Multimillionär Jeffrey Epstein sexuelle Kontakte zu Dutzenden Minderjährigen. In Deutschland soll ein Ex-Fußballprofi kinderpornografische Bilder weitergegeben haben. Sieben Erkenntnisse über Pädo-Kriminalität.

Kindesmissbrauch und
Kinderpornografie nehmen zu.

Laut Polizeilicher Kriminalstatistik gab es im vergangenen Jahr 8946 Tatverdächtige, die Kinder missbraucht haben sollen. Das sind 65 mehr als im Jahr zuvor. Noch deutlicher erhöht hat sich in diesem Zeitraum die Zahl der Täter, die kinderpornografische Bilder oder Videos herstellten, besaßen beziehungsweise weitergaben – um 868 auf 6537. Doch das sind nur die offiziellen Zahlen. Experten gehen von einem wesentlich größeren Dunkelfeld aus. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs nimmt an, dass „im Schnitt ein bis zwei Kinder einer Schulklasse von sexuellem Missbrauch betroffen sind“.

Die Polizei kommt mit ihren
Ermittlungen im Netz kaum voran.

Das bestätigt der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow. „Wir stoßen immer häufiger auf immer größere Datenmengen“, sagte er dieser Zeitung. Nur fehlten oft die Mitarbeiter, um den Ermittlungsaufwand zu bewältigen. Zudem sei es in vielen Fällen nicht mehr möglich, an die Täter zu kommen. Deshalb wünscht sich der Gewerkschafter die Vorratsdatenspeicherung. „In der Regel kennen wir bei einschlägigen Straftaten zwar die IP-Adressen“, erläutert Malchow. „Wir wissen aber nicht, wem die Adresse zum Zeitpunkt der Tat zugeordnet war.“ Malchow beklagt, dass das Thema Vorratsdatenspeicherung „zurzeit nicht auf der politischen Tagesordnung steht“.

Die Gesetze sind nicht zu lasch.

Bis zu 15 Jahre Haft stehen auf Kindesmissbrauch in besonders schweren Fällen. Das Verbreiten von Kinderpornografie wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Gewerkschafter Malchow sieht deshalb keinen Anlass zu Gesetzesverschärfungen. Zumal wie im Fall Lügde auch noch Sicherungsverwahrung angeordnet werden könne.

Die Täter sind vor allem
Verwandte und Bekannte.

Die Hälfte aller Fälle ereignet sich nach Angaben des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs im Bekannten- und erweiterten Familienkreis. Bei einem Viertel sind sogar engste Familienangehörige die Täter. 80 bis 90 Prozent davon sind Männer oder männliche Jugendliche. Eine Domäne für Fremdtäter sei allerdings das Cybergrooming, das gezielte Heranmachen an Kinder und Jugendliche, teilt der Beauftragte Johannes-Wilhelm Rörig mit. Grund: Die „intensiven und sehr persönlichen Chats“ ließen Kinder und Jugendliche oft vergessen, dass sie mit Fremden in Kontakt stehen.

Pädo-Kriminelle gibt es in allen
gesellschaftlichen Schichten.

Zwar lassen spektakuläre Fälle wie die in Lügde und Staufen anderes vermuten: In Lüdge waren die beiden Haupttäter Langzeitarbeitslose; beim Missbrauchsfall in Staufen war die Mutter Gelegenheitsarbeiterin, deren Lebensgefährte arbeitslos. Allerdings sind in den vergangenen Jahren auch immer mehr Fälle ans Licht gekommen, in denen sich zum Beispiel Pfarrer und Lehrer an Kindern vergangen haben. Dass auch Kinderpornografie quer durch alle gesellschaftlichen Schichten konsumiert wird, zeigt das Beispiel des früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy, der nach einer „geständigen Einlassung“ vor dem Landgericht Verden eine Geldstrafe von 5000 Euro zahlen musste.

Mädchen sind häufiger
betroffen als Jungen.

Laut Polizeilicher Kriminalstatistik sind die Opfer in drei Vierteln der Fälle Mädchen. Der Verein „Zartbitter“ sieht einen Grund dafür in der Erziehung. Mädchen bekämen oft zu hören: „Du bist doch kein Junge!“ und würden von klein auf dazu gebracht, möglichst brav zu sein, sich anpassen zu können und Verständnis für andere zu entwickeln. Gegenüber möglichen Tätern werde dadurch „die Widerstandfähigkeit geschwächt“.

Viele Übergriffe könnten
verhindert werden.

Das Deutsche Jugendinstitut vermisst laut einer aktuellen Untersuchung umfassende Schutzkonzepte vor allem an Schulen, aber auch zum Beispiel in Kitas, Heimen, Internaten, Arztpraxen und Sportvereinen. Es gebe zu wenig Fortbildungen für Fachkräfte und kaum interne und externe Beschwerdemöglichkeiten. Missbrauchsfälle in der Familie könnten laut einer Empfehlung des Vereins „Wildwasser“ dann besser entdeckt werden, wenn sich Familienangehörige, Freunde, Lehrer und Nachbarn sensibler verhalten würden. Missbrauchsanzeichen seien etwa, wenn sich Kinder „nachhaltig in ihrem Verhalten ändern“ oder „altersuntypisch sexualisiert aufführen“.

Drei aktuelle Gerichtsverfahren

Drei Prozesse wegen Kindesmissbrauchs beginnen an diesem Donnerstag.

In Bielefeld muss sich ein 61-jähriger Physiotherapeut verantworten, der sich an acht Mädchen im Alter von sechs bis zwölf Jahren vergangen haben soll. Mitangeklagt ist seine 62-jährige Frau, die ihrem Mann dabei geholfen haben soll.

In Ravensburg steht ein 26-jähriger Schulbusfahrer vor Gericht. Ihm werden sexuelle Übergriffe, Belästigung und die Verbreitung pornografischen Materials vorgeworfen. Bei den Opfern handelt es sich um sechs Jungen und ein Mädchen im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren.

In Hildesheim ist ein Ehepaar wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs sowie Misshandlungen von Kindern angeklagt. Beide hatten 25 Jahre lang eine Wohngruppe für hilfebedürftige Kinder geleitet. Der heute 56-jährige Mann, ein gelernter Erzieher, soll von 1998 bis 2007 elf Mal Kinder missbraucht haben. Seine 60-jährige Frau, von Beruf Sozialpädagogin, muss sich wegen fünf Fällen von Misshandlung Schutzbefohlener vor Gericht verantworten. In einem Fall soll das Paar auch gemeinschaftlich ein Kind misshandelt haben. mg