Peking / Fabian Kretschmer Eine neue Lungenkrankheit breitet sich aus. Noch gibt es – zumindest nach offiziellen Angaben – wenige Menschen, die an dem neuen Coronavirus gestorben sind. Doch die meisten Chinesen sind dennoch sehr besorgt: Die Situation weckt Erinnerungen an die Sars-Epidemie, die viele Todesopfer forderte.

Seit Wochen hält ein mysteriöses, neues Coronavirus die Chinesen in Atem. In den Nachrichten des Regierungsfernsehens bemühen sich die Behörden um Beruhigung: Der Ausbruch könne mit der eingeleiteten Prävention kontrolliert werden, sagt Li Gang, medizinischer Direktor des Zentrums für Seuchenkontrolle in Wuhan. Internationale Experten bezweifeln das, zumal inzwischen die  chinesische Gesundheitskommission bestätigt hat, dass das Virus auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. In zwei Fällen sei das nachgewiesen worden.

Zahlen übers Wochenende verdreifacht

Am Montag meldeten die Behörden im zentralchinesischen Wuhan über 130 neue Fälle der Lungenkrankheit, deren Zahl sich damit über das Wochenende verdreifacht hat. Insgesamt rund 220 Menschen sollen angesteckt worden sein, drei Todesopfer forderte die Epidemie bislang.

Laut einer Studie des Imperial College London dürfte die Anzahl der Ansteckungen weitaus höher liegen. So gehen die britischen Virologen laut eines Rechenmodells von möglicherweise bis zu 1700 Infektionen allein in Wuhan aus. Dort liegt der Ursprung des Virus, das sich von einem Markt für Fisch, Wild und Meerestiere verbreitet haben soll.

Nicht in den Medien über den Virus sprechen

Laut der Nachrichtenagentur Reuters sollen Verwandte betroffener Patienten von den Behörden dazu angehalten worden sein, nicht mit Medien über das Virus zu sprechen und keine Neuigkeiten online weiterzuverbreiten. In diesem Klima der Verunsicherung zeigen sich viele Nutzer sozialer Netzwerken besorgt, ob sie ausreichend informiert werden. Mit wechselnden „Hashtags“ versuchen sie der Zensurbehörde einen Schritt voraus zu sein. „Ich hoffe, dass die Regierungsnachrichten aktuell und wahr sind“, schreibt ein User auf „Weibo“, dem chinesischen Facebook. Ein anderer meint: „Das Chinesische Neujahrsfest steht vor der Tür. Ich frage mich, ob jeder genug auf sich aufpassen kann.“

Am Freitag reisen die meisten Chinesen zum Frühlingsfest in ihre Heimatdörfer. Es ist eine weltweit einmalige logistische Herausforderung: Rund 400 Millionen Leute werden laut Schätzungen per Bus, Bahn und Flugzeug unterwegs sein. Ausgerechnet Wuhan ist der zentrale Transportknotenpunkt zwischen den Küstenstädten an der Ostküste und dem Hinterland.

Ansteckungen auch in Japan, Thailand, Südkorea

Unterdessen wurden in Japan, Südkorea und Thailand insgesamt drei Ansteckungen bestätigt. Die Betroffenen sollen vor kurzem in Wuhan gewesen sein. In den USA hat das Zentrum für Seuchenkontrolle- und Prävention an drei Flughafen über 100 Mitarbeiter entsandt, um den Gesundheitszustand ankommender Passagiere aus Wuhan zu überprüfen. Zuletzt wurde eine vergleichbare Maßnahme beim Ebola-Ausbruch 2014 eingeleitet.

Bestätigte Erkrankunge durch das Virus.
© Foto: GRAFIK REICHELT

In China ruft das Coronavirus böse Erinnerungen wach, schließlich stammt es aus derselben Erregerfamilie wie das Sars-Virus. Die Sars-Pandemie von 2002 gilt bis heute als schwerwiegendste ihrer Art, damals starben knapp 800 Menschen binnen kürzester Zeit – vor allem in Festlandchina und Hongkong. Doch auch im benachbarten Inselstaat Taiwan löste Sars eine Panik aus, wie sich die 30-jährige Karen Chen aus der Hauptstadt Taipeh erinnert: „Wir mussten in unserer Schule damals täglich unsere Körpertemperatur mitteilen – aus Angst, wir könnten den Virus in uns tragen“, sagt die Angestellte einer PR-Firma. Vor allem die staatlichen Behörden wurden damals für die Ausbreitung des Virus verantwortlich gemacht, weil sie nicht rechtzeitig genug Quarantäne-Maßnahmen getroffen haben.

In China grassiert zudem seit Monaten die Afrikanische Schweinepest, die als größte Krise der Tiergesundheit gilt. Das Reich der Mitte ist der größte Schweinefleischproduzent der Welt – von 770 Millionen Zuchtschweinen werden 440 Millionen in China gehalten. Die Hälfte aller Bestände mussten bereits getötet werden. Die starke Ausbreitung des Virus hängt auch damit zusammen, dass das Problem lange Zeit heruntergespielt wurde.

Diesmal bemüht sich die nationale Gesundheitskommission um Transparenz: Behörden im ganzen Land seien etwa dazu aufgefordert worden, Labortests zum Aufspüren möglicher Ansteckungsfälle zu verstärken. Trotz der geopolitisch angespannten Lage zu Taiwan hat die Volksrepublik China eine medizinische Delegation aus dem Inselstaat zugestimmt.

Bisherige Fälle