Berlin / Dieter Keller Die Wirtschaft schwächelt. Doch anders als in früheren Abschwüngen bauen die Betriebe kaum Stellen ab, sondern halten die Mitarbeiter – der Fachkräftemangel lässt grüßen. Von Dieter Keller

Der Arbeitsmarkt hierzulande erscheint derzeit wie ein Wunder: Die Wirtschaft wächst kaum noch. In manchen Industriebranchen herrscht schon Rezession, weil sie seit mindestens zwei Quartalen schrumpfen. Trotzdem eilt die Beschäftigung von einem Rekord zum nächsten, und die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie nie seit der Einheit. Im Juni hatten 33,4 Millionen Menschen einen sozialversicherungspflichtigen Job, mehr als im Monat zuvor.

„Der Arbeitsmarkt befindet sich in der kontrollierten Defensive“, beschreibt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Sozialforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit die aktuelle Lage. Die Beschäftigung entwickle sich robust. „Solange der Arbeitsmarkt sich so gut schlägt, haben wir keine Krise.“

Wenn die Wirtschaft schrumpft, nimmt auch die Beschäftigung ab – diese eherne Regel gilt nicht mehr. Oder zumindest nur noch sehr eingeschränkt. Früher lautete die Faustformel: Ein Prozent weniger Wachstum bedeutet knapp 0,4 Prozent weniger Beschäftigung. Doch seit der großen Rezession vor einem Jahrzehnt sieht es anders aus. Heute ist dieser Effekt noch maximal halb so groß. „Der Arbeitsmarkt hat sich von der Konjunktur abgekoppelt“, haben Sabine Klinger und  Enzo Weber in ihren Forschungsarbeiten am IAB herausgefunden.

Das hat mehrere Gründe. Dienstleistungsberufe in Erziehung, Gesundheit und Pflege gewinnen immer mehr an Bedeutung. Diese Mitarbeiter werden immer gebraucht, unabhängig wie gut die Konjunktur läuft. Ein Abschwung spielt da keine Rolle. Ähnlich sieht es bei den Beschäftigten auf dem Bau aus. Bauindustrie und -handwerk sind angesichts des großen Nachholbedarfs auf Jahre hinaus bis zur Halskrause ausgebucht. Wie sehr, bekommt jeder zu spüren, der dringend einen Handwerker braucht.

Hinzu kommt der Fachkräftemangel, den die Unternehmen heute schon schmerzlich spüren. Sie wissen: Bauen sie im Abschwung Mitarbeiter ab, finden sie keine neuen, wenn die Konjunktur wieder anzieht. „Arbeitnehmer horten“ nennen die Wissenschaftler, was deswegen passiert: Eingearbeitete Mitarbeiter auch über Durststrecken hinweg zu halten, hat sich als sinnvoll erweisen. „Die Betriebe haben gemerkt, wie teuer und schwierig es ist, Fachkräfte zu finden“, sagt Klinger.

Viele nutzten Kurzarbeit

Das war erstmals 2009 zu verfolgen: Durch die Finanzkrise brach zwar das Bruttoinlandsprodukt um gewaltige 5,7 Prozent ein. Aber die Beschäftigung blieb konstant, die Zahl der Arbeitslosen nahm kaum zu. Viele Betriebe nutzten Kurzarbeit, um ihre Stammbelegschaft zu halten. Dabei half auch, dass diese Förderung zeitweise auf bis zu 24 Monate ausgeweitet wurde. In normalen Zeiten zahlen die Arbeitsagenturen maximal zwölf Monate lang Kurzarbeitergeld.

Sehr viel mehr als zwei Jahre ist wohl auch nicht sinnvoll, weil sonst mit viel Geld aus der Arbeitslosenversicherung nur alte Strukturen und nicht konkurrenzfähige Arbeitsplätze erhalten würden. Daher könnte das Jobwunder abreißen, wenn die Flaute lange anhält, schätzt Klinger. Denn trotz aller Hilfen aus der Kasse der Bundesagentur für Arbeit kostet Kurzarbeit auch die Betriebe Geld. Da müsse sich mancher überlegen, dass der Fortbestand des Unternehmens  Vorrang hat vor der Fachkräftesicherung. „Ein kurzer und bitterer Einbruch ist leichter zu verkraften als eine lang anhaltende Schwächephase“, urteilt die Arbeitsmarktforscherin. Das Problem des Fachkräftemangels droht noch drastisch zuzunehmen. Dafür sorgt schon die demografische Entwicklung: Die großen Jahrgänge der Babyboomer gehen in Rente, die der heutigen Berufsanfänger sind nur noch halb so groß. „Unsere größte arbeitsmarktpolitische Herausforderung in den kommenden Jahren wird sein, dass uns die Arbeitskräfte ausgehen“, gibt Weber die Richtung vor.

Wie händeringend Arbeitskräfte gesucht werden, zeigt die Untersuchung der Lücke bei den MINT-Berufen, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, die Spitzenverbände der Wirtschaft zweimal im Jahr vorlegen: Im April fehlten bundesweit allein in diesen Berufen 311 000 Arbeitskräfte.

Differenzierte Entwicklung

Der robuste Arbeitsmarkt hilft denen nicht, die jetzt entlassen werden oder um ihren Arbeitsplatz fürchten, mahnt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Denn hinter pauschalen Erfolgszahlen steckt eine differenzierte Entwicklung. Manche Betriebe setzen Mitarbeiter in der Produktion frei, während sie IT-Fachleute händeringend suchen, berichtet auch Gesamtmetall-Chefvolkswirt Michael Stahl aus Deutschlands größter Industriebranche, der Metall- und Elektroindustrie.

Schwer auseinanderzuhalten ist, was auf die nachlassende Konjunktur und was auf grundlegenden Strukturwandel zurückzuführen ist. Mancher Autozulieferer beispielsweise, der Motorenteile herstellt, könnte bei einem Siegeszug des Elektroautos dumm dastehen. Auch Banken und Versicherungen sind schrumpfende Branchen. Kleinere Betriebe mit maximal 200 Beschäftigten treten beim Personal viel weniger auf die Bremse als die Großen, zeigt die regelmäßige Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags.

Entwicklung der Arbeitslosenzahl in Deutschland