. Fünf Tage nach den Bränden im griechischen Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos haben jetzt einige der obdachlosen Migranten wenigstens wieder ein notdürftiges Dach über dem Kopf: Am Wochenende konnten die ersten Menschen in das neu errichtete Zeltlager am Stadtrand der Inselhauptstadt Mytilini einziehen. Bis zum Sonntag waren dort etwa 300 Obdachlose untergekommen, vor allem Familien mit Kindern, schwangere Frauen und Ältere.

Vor dem Einzug in das neue Lager werden alle Bewohner in Schnelltests auf das Coronavirus untersucht. Jene, bei denen das Virus entdeckt wurde – bis zum Sonntag etwa ein Dutzend Menschen –, werden in einem abgesonderten Teil des Zeltlagers in Quarantäne untergebracht.

Das neue Zeltlager, das sich auf einem ehemaligen Armeegelände befindet, wird mit Hilfe der UN-Flüchtlingsagentur UNHCR gebaut. Auch mehrere europäische Länder, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz, haben bereits Hilfsgüter geschickt. Das Camp wird aber nur Platz für etwa 3000 Menschen haben, also lediglich ein Viertel der mehr als 12 000 Migranten, die im abgebrannten Lager Moria lebten.

Erboste Kommunalpolitiker

Die Regierung sucht nach weiteren Grundstücken für den Aufbau von Zeltlagern. Sie stößt dabei aber auf den erbitterten Widerstand der Inselbevölkerung und der Kommunalpolitiker. Lesbos mit seinen 86 000 Einwohnern trägt seit über fünf Jahren die Hauptlast der Migrationskrise. „Wir wollen keine neuen Lager“, sagt Demosthenes Chatzigiannis, der Vorsitzende des Stadtrates von Mytilini. Die Politiker fordern die Umsiedlung aller Migranten aufs Festland. Bürgermeister Stratis Kytelis mobilisierte Lastwagen, um Straßen zu blockieren. So will er die Anlieferung von Zelten und Hilfsgütern stoppen. Auch hunderte aufgebrachte Bewohner beteiligen sich an den Straßensperren. Wegen der Blockaden musste die Regierung für den Bau des neuen Zeltlagers Hubschrauber einsetzen.

Griechenland fordert zwar seit Jahren, dass andere europäische Staaten mehr Menschen aus den Insellagern übernehmen. Jetzt will die Regierung aber auf keinen Fall Migranten von den Inseln aufs Festland umsiedeln. Das sei zu diesem Zeitpunkt „ein völlig falsches Signal“, heißt es in Regierungskreisen. Dann nämlich könnte es auch in anderen Insellagern Unruhen und Brandstiftungen geben.

Am Sonntag verstärkte die Polizei ihre Präsenz auf Lesbos. Fünf weitere Einheiten der Bereitschaftspolizei sowie gepanzerte Fahrzeuge trafen ein. Auch auf den anderen „Flüchtlingsinseln“ der östlichen Ägäis ist die Polizei in erhöhter Alarmbereitschaft – aus der Sorge, dass der Funke von Moria auf andere Lager überspringen könnte. Gerd Höhler