Teheran / Martin Gehlen Revolutionsführer Ali Chamenei nutzt als Prediger das Freitagsgebet in Teheran, um die Lage seines Landes zu erläutern. Und er stellt klar: Eine Kurskorrektur wird es nicht geben.

Die Zettel mit Notizen, die er in seiner linken Hand hielt, hat er bald vergessen. Was Irans Revolutionsführer Ali Chamenei seiner Nation und der Welt beim Freitagsgebet zu sagen hatte, dazu brauchte er kein Manuskript. Er sprach ohne abzulesen. Gut 75 Minuten dauerte die politische Gardinenpredigt des mächtigsten Mannes im Iran – live übertragen im Staatsfernsehen. Nach einleitenden Koran-Reflexionen über den Propheten Moses und die Rettung seines Volkes aus den Händen des Pharao ging Chamenei zum Frontalangriff über – auf die USA, die Europäer, aber auch auf die Demonstranten im eigenen Volk sowie die irankritischen Proteste im Irak.

Freitagspredigten von Chamenei sind extrem selten. Nur in Zeiten schwerer nationaler Krisen tritt der mächtigste Kleriker der Islamischen Republik selbst an das Pult der Teheraner Mosalla-Moschee, wie 2012 nach dem Arabischen Frühling und 2009 nach den schweren Unruhen der grünen Bewegung gegen die gefälschte Präsidentenwahl von Mahmud Ahmadinedschad.

Und genauso wie damals, schwor er auch an diesem Freitag die iranische Nation nach zwei tumultreichen Wochen wieder auf seinen kompromisslosen Kurs ein. Die Krise begann mit der gezielten Tötung von Top-General Ghassem Soleimani durch eine US-Drohne, der nach massenhaften Trauerfeiern beigesetzt wurde. In der Nacht der iranischen Vergeltungsangriffe auf zwei US-Militärbasen im Irak, traf eine Rakete der Revolutionären Garden in Teheran irrtümlich eine ukrainische Passagiermaschine mit 176 Menschen an Bord. In mehreren iranischen Städten kam es daraufhin zu regimekritischen Protesten, bei denen auch Poster des getöteten Soleimani heruntergerissen wurden.

Schelte für Kritiker

Chamenei nannte den Abschuss der Boeing 737 eine „bittere Tragödie“, die jedoch die „feige Ermordung“ von Soleimani nicht überschatten dürfe. Dieser habe den Iran mit seinen Brigaden quer durch die gesamte Region gegen die Extremisten des „Islamischen Staates“ verteidigt. Den heimischen Kritikern, die die Auslandseinsätze mit Parolen wie „weder Gaza, noch Libanon“ kritisierten, warf er vor, nur an sich selbst zu denken und ansonsten keinen Finger für das Wohl der Nation zu rühren.

Derweil räumten die USA am Freitag ein, dass bei den iranischen Raketenangriffen auf die Luftwaffenbasis Al-Asad in Zentralirak, anders als bisher angegeben, doch elf US-Soldaten verwundet worden seien. Das US-Oberkommando war rechtzeitig über den bevorstehenden Beschuss informiert worden, sodass  die meisten der 1500 Soldaten in Bunkern waren. Martin Gehlen 

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