Berlin / Igor Steinle Urlauber zieht es wieder an die Strände. Doch jüngste Vorfälle auf Mallorca schüren die Sorge, dass mit ihnen eine zweite Pandemiewelle nach Deutschland kommen könnte.

Dass die Urlaubssaison begonnen hat, kann man an vertraut klingenden Nachrichten ablesen: Der ADAC rechnet am Wochenende mit Ferienstaus. Und dennoch ist etwas anders in diesem Jahr. Weil die Menschen wegen der Corona-Krise verstärkt in der Heimat bleiben, sei vor allem auf den Strecken ans Meer oder in die Berge mit erhöhtem Verkehrsaufkommen zu rechnen, teilt der Automobilclub mit.

Dass Urlaub in Zeiten der Pandemie nicht wie gewohnt ablaufen kann, scheint jedoch noch nicht überall angekommen zu sein. Das legen Bilder nahe, die an diesem Wochenende auf Deutschlands beliebtester Ferieninsel Mallorca entstanden sind. Hunderte Touristen haben dort das erste Mal seit dem Lockdown wieder Party am Ballermann gemacht. Wie Agenturen berichten, beachtete kaum einer der Feiernden die geltenden Schutzvorschriften: angetrunkene Urlauber umarmten Straßenhändler und flirteten ausgiebig mit Fremden. Die Lage sei „am Samstag völlig außer Kontrolle geraten“, schrieben Regionalzeitungen auf der Insel. Seit Montag gilt auf Mallorca und den anderen Baleareninseln nun eine weitgehende Maskenpflicht.

Auch auf dem Schreibtisch des Bundesgesundheitsministers sind die Bilder gelandet – und haben zu einiger Besorgnis geführt. Jens Spahns Befürchtung: Urlauber kehren aus den Ferien zurück und verbreiten das Virus unbemerkt in der Heimat. „Wir müssen aufpassen, dass der Ballermann kein zweites Ischgl wird“, warnte er am Montag in Berlin. Der CDU-Politiker appelliert an die Mitbürger, auch im Urlaub die sogenannten AHA-Regeln – Abstand, Hygiene, Atemschutzmaske – einzuhalten. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig vorsichtig sein, so die Devise.

Dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach geht das nicht weit genug. Er hat angesichts der Ballermann-Bilder Mallorca bereits als Risikogebiet bezeichnet und eine Testpflicht für alle Flugpassagiere nach dem Rückflug gefordert. „Was sich auf Mallorca und in anderen Ländern abspielt, kann eine zweite Welle in Deutschland auslösen“, sagte er der „Rheinischen Post“. An den Flughäfen müssten die Passagiere ihre Personalien hinterlegen und binnen weniger Tage einen Corona-Test nachweisen. „Nur so könnten die Behörden schnell genug mitbekommen, ob Urlauber nicht das Virus nach Deutschland einschleppen“, erklärte Lauterbach.

Die Sorgen scheinen berechtigt. Denn während die Lage in Deutschland auch nach lokalen Ausbrüchen in Gütersloh, Göttingen oder Berlin unter Kontrolle zu sein scheint, verbreitet sich Sars-Cov-2 in anderen Ländern nach wie vor in rasantem Tempo. So berichtet die Weltgesundheitsorganisation inzwischen von mehr als zwölfeinhalb Millionen bestätigten Infektionen bei 565 000 Todesfällen. Die Zahlen sind zuletzt in einem Zeitraum von nur fünf Tagen von elf auf zwölf Millionen gestiegen, warnte Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI) bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Spahn. „Diese Pandemie ist weltweit wirklich sehr, sehr stark unterwegs“, sagte Wieler.

Das gelte besonders für die USA und Südamerika, sagte Spahn. Doch seien mit Israel, Südkorea und Japan auch Länder betroffen, die vor kurzem noch „gut dastanden“. „Die Gefahr einer zweiten Welle ist real“, konstatiert der Gesundheitsminister, man dürfe sich nicht in falscher Sicherheit wiegen. Sollte es dennoch zu einer zweiten Welle kommen, sieht Spahn Deutschland gut gerüstet: es gebe ausreichend Testkapazitäten – allein in der vergangenen Woche seien laut RKI fast eine halbe Million Tests durchgeführt worden, die aktuelle Kapazität liege bei 1,1 Millionen pro Woche –, das Frühwarnsystem funktioniere und man sei besser in der Lage, Intensivkapazitäten zu steuern. „Wir haben es schon einmal geschafft, eine solche Welle zu brechen“ zeigte sich Spahn selbstbewusst. Das könne auch ein zweites Mal gelingen.

Dazu soll auch die Corona­-Warn-App beitragen, die inzwischen mehr als 15 Millionen Mal heruntergeladen wurde. Bisher hatten rund 500 Menschen die Möglichkeit, ihre Infektion über die App mitzuteilen und andere Nutzer damit zu warnen, sagte Wieler. Das konnte er berichten, weil die Gesundheitsämter bisher 500 „Tele-Tan“ ausgegeben haben, mit denen Infektionen in der App gemeldet werden können.

Wie viele Nutzer davon tatsächlich Gebrauch gemacht haben und wie viele informiert wurden, lässt sich aufgrund der dezentralen Funktionsweise der App – alle Daten werden verschlüsselt auf den lokalen Smartphones gespeichert – jedoch nicht sagen.

Für Wieler ist die App trotz häufiger Fehlermeldungen ein Erfolg. An den Meldungen, die bei vielen Nutzern immer wieder auftauchen, würden die Entwickler laufend arbeiten. Hygieneregeln könne die Anwendung dennoch nicht ersetzen. Sie „hilft dabei, Infektionsketten früher zu brechen, nicht mehr und nicht weniger“. Das gilt jedoch nicht für Kontakte im Ausland: die meisten Länder haben andere Apps entwickeln lassen, die mit der Deutschen bisher nicht kompatibel sind. Dennoch könnte die App sich als hilfreich erweisen, wenn infizierte Ferienrückkehrer sie zuhause verwenden. So zumindest die Hoffnung.

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Millionen bestätigte Covid-19-Infektionen zählt die Weltgesundheitsorganisation WHO inzwischen. Zuletzt stieg die Zahl in nur fünf Tagen um eine Million.