Stockholm / André Anwar Obwohl seine Bürger in einige EU-Länder nicht einreisen dürfen, hält Schweden an seinem lockeren Corona-Kurs fest. Die Entwicklung der Todesrate macht Hoffnung.

Während große Teile der Welt in den totalen Corona-Lockdown gingen, entschied sich Schweden zu einem anderen Weg. Fast alles blieb erlaubt und geöffnet. Einzig Veranstaltungen wurden begrenzt, bis heute dürfen maximal 50 Menschen zusammenkommen. Dies und ein Versuchsverbot in Altenheimen waren die einzigen Verbote. Stattdessen setzte Schweden auf Freiwilligkeit und Verantwortungsbewusstsein. Leere U-Bahnen, Büros und Stadtteile in Stockholm und Untersuchungen von GPS-Daten zeigten, dass sich die Schweden zumeist an die Empfehlungen hielten.

Um den Sonderweg ist vor allem im Ausland ein heftiger Meinungsstreit entbrannt. In Schweden dagegen ist die Strategie weitgehend unumstritten. Die regierenden Sozialdemokraten liegen laut jüngsten Werten weiter im Umfragehoch von über 30 Prozent.

Eine Abkehr vom freiwilligen Weg ist nicht in Sicht. Vielmehr betont die Gesundheitsbehörde, dass andere Länder nach den gegenwärtigen Lockerungen und weiteren Coronawellen auch eine höhere Todesrate haben würden, Schweden nun aber vermutlich stabil bleibe. Letztlich könne aber niemand in die Kristallkugel schauen, so Staatsepidemiologe Anders Tegnell.

Zahl der Todesfälle geht zurück

Gleichzeitig ist die tägliche Anzahl von Toten und in den Intensivstationen betreuten Coronapatienten in Schweden seit Wochen stark rückläufig. Die Anzahl der Todesfälle nimmt seit April deutlich ab. Lag sie damals noch ungefähr bei 80 bis 110 am Tag, waren es Mitte Juni zwischen 4 und 10 täglich. Das schwedische Gesundheitswesen war zu keinem Zeitpunkt der Pandemie überlastet, was ein Hauptziel der Strategie war.

Entsprechend fühlen sich die Schweden etwas missverstanden. Vor allem die Tourismusbranche befürchtet, dass die Negativpresse gerade auch bei den zahlenmäßig wichtigen deutschen Touristen zu Umsatzeinbußen führen könnte, sollten Touristen Schweden nun als unsicheres Reiseland wahrnehmen.

Vor allem die hohe Zahl von Neuinfektionen und die im Vergleich zu den nordischen Nachbarländern und Deutschland deutlich höheren Todeszahlen (derzeit 5209 Tote) wurden als Gründe dafür und als Indizien für das Scheitern Schwedens gewertet.

Vom Gesundheitsamt heißt es dazu, dass Schweden nicht unsicherer sei als andere Länder. Zudem habe der lockere Umgang zu einer erhöhten Immunitätszahl im Volke geführt, weshalb sich das Virus angeblich nicht so schnell wieder ausbreiten wird wie in Ländern, die einen totalen Lockdown hatten und sich nun schrittweise wieder öffnen. Wirklich aussagekräftige umfassende Studien zu dieser sogenannten Herdenimmunität gibt es allerdings noch nicht.