Berlin / Michael Gabel und Hajo Zenker Die Zahl der Infektionen geht zurück, doch bei einigen bleibt die Angst. Welche Verhaltensweisen sind in der Pandemie sinnvoll, welche nicht?  Von Michael Gabel und Hajo Zenker

Fast vier Monate ist es her, dass das Coronavirus auf einen Schlag beinahe das ganze Leben in Deutschland lahmlegte. Nun, in der Phase der Lockerungen, wird deutlich: Neben vielen klugen Entscheidungen gab es auch manche Übertreibung. Und viele Menschen lassen sich bis heute mehr von irrationalen Ängsten leiten als vom Willen zur Vernunft. Drei Beispiele.

1Angst vor dem Unbekannten

So vieles wäre jetzt wieder möglich: durch die Stadt bummeln, Sport treiben, reisen. Doch nicht alle, deren Gesundheitszustand es eigentlich zulassen würde, wollen an ihr früheres Leben anknüpfen. „Jede Gesellschaft hat einen Anteil übervorsichtiger Menschen, das sieht man gerade jetzt wieder“, sagt der Göttinger Angstforscher Borwin Bandelow dieser Zeitung. Am stärksten sei die Angst bei vielen 30- bis 50-Jährigen ausgeprägt. „Manche trauen sich aus Furcht vor Ansteckung kaum aus dem Haus, obwohl man weiß, dass man sich an der frischen Luft und unter Wahrung der Abstandsregeln eigentlich nicht infizieren kann.“

Das Besondere an der Gefahr durch Corona sei, dass man das Virus „nicht sieht, nicht hört und nicht anfassen kann“, erläutert der Professor für Psychiatrie und Psychotherapie. Anders als andere, die den ersten Schrecken gut weggesteckt hätten, seien die Übersensiblen überzeugt, dass sie draußen in jeder Sekunde in Gefahr seien. „Im Gehirn eines jeden Menschen streiten sich zwei Systeme: das Vernunftsystem und das evolutionsgeschichtlich gesehen viel ältere Angstsystem“, sagt Bandelow.

Das Einzige, was in solchen Fällen helfe, sei Zeit. „In einer Krise folgt nach dem Höhepunkt in der Regel eine allgemeine Phase der Entspannung, die stark zur Beruhigung der Nerven beiträgt. Das war nach Tschernobyl so und nach dem Anschlag auf das World Trade Center. Und so wird es auch bei Corona wieder sein.“

2 Bloß nicht zum Arzt

Eine gefährliche Angst haben angesichts der Corona-Pandemie auch viele Patienten entwickelt. Das zeigte sich an halbleeren Arztpraxen oder halbleeren Notaufnahmen – beides noch vor wenigen Monaten unvorstellbar. So nahm die Zahl der Patienten, die sich wegen Schlaganfällen und Herzinfarkten behandeln ließen, in den vergangenen Wochen je nach Klinik zwischen zehn und 40 Prozent ab. Allein im März, wo es ja erst Mitte des Monats mit der Stilllegung des öffentlichen Lebens losging, wurden 25 Prozent weniger Menschen mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert als im März 2018 oder im März 2019. Das zeigt eine Sonderanalyse der DAK-Gesundheit. Rund 50 000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr an einem Herzinfarkt.

Auch die Zahl der Krebs-Vorsorgeuntersuchungen ging stark zurück. So berichtet die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, dass Krebspatienten „erst in sehr fortgeschrittenen Tumorstadien kommen“. Man werde deshalb mit Komplikationen bei den Patienten konfrontiert, so der Vorsitzende der Gesllschaft, Hermann Einsele, „die wir in den letzten Jahren eher nicht gesehen haben“. Andersherum sei die Zahl der entdeckten Fälle früher Tumorstadien im April deutlich gesunken, in einzelnen Institutionen um 30 bis 50 Prozent. Was bedeutet: Erkrankungen, die man eigentlich heilen könnte, werden nicht erkannt.

Für den Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, ist ein solches Patientenverhalten „Wahnsinn“. Denn „an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall sterben Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit, an Corona mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht“.

3 Übertriebenes
Desinfizieren

Zwei Dinge waren in der Corona-Krise sofort vergriffen: Toilettenpapier und Desinfektionsmittel. Während der Sinn von Ersterem unmittelbar einleuchtet, ist übermäßiges Desinfizieren nicht nur unsinnig, es kann sogar Schaden anrichten. Zwar empfahl die Weltgesundheitsorganisation WHO als Alternative zum Händewaschen die Verwendung „alkoholhaltiger Desinfektionsmittel“. Aber der ansonsten sehr zur Vorsicht neigende Virologe Christian Drosten sieht es anders: Der häufige Desinfektionsmittel-Gebrauch im Alltag sei übertrieben, sagte er in einem Interview. „Man sollte sich eher aufs Lüften konzentrieren als auf das ständige Wischen und Desinfizieren.“

Seine Begründung: Schmierinfektionen seien so gut wie ausgeschlossen, die Virus-Übertragung erfolge durch Tröpfchen und in vielen Fällen auch durch „Schwebeteilchen mit Viruslast“, die sogenannten Aerosole. Da helfe nur Abstand halten und Lüften. Doch die Mahnung verhallte ungehört. So steht in Haushalten das Desinfektionsmittel meist direkt neben der Seife – und neben der Hautcreme, denn die alkoholhaltigen Reiniger schaden der Haut.

Desinfektionsmittel stehen auch in sämtlichen Gaststätten- und Bürotoiletten. In China hat man sogar ganze Straßenzüge und Plätze mit dem Reiniger besprüht. Dass die Arbeiter Ganzkörperanzüge trugen, geschah übrigens nicht aus Schutz vor dem Virus, sondern vor den in großen Mengen gesundheitsschädlichen Reinigersubstanzen. Auch in Südtirol wurden schon Desinfektionsmittel im Freien eingesetzt – versprüht von Schneekanonen.

Der Einsatz ist nicht nur übertrieben, er schadet auch der Umwelt. „Die bei der Straßendesinfektion verwendeten Mittel können schnell in die Natur gelangen“, warnt Laura von Vittorelli vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Am Ende treffe das auch den Menschen.

Zahl der Sterbefälle wieder auf Vorjahresniveau

Die Zahl der Sterbefälle in Deutschland lag im Mai trotz Corona etwa auf dem Niveau der Vorjahre. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Sterbefallmeldungen der deutschen Standesämter, die das Statistische Bundesamt vorgenommen hat. Im April hatte die Zahl der Gestorbenen etwa neun Prozent über dem Durchschnitt der Vorjahre gelegen.

Betrachtet nach Kalenderwochen sieht man erhöhte Sterbefallzahlen zwischen dem 23. März und dem 3. Mai. In der 15. Kalenderwoche (6. bis 12. April) war die Abweichung mit 14 Prozent über dem vierjährigen Durchschnitt am größten.
Auch die Zahl der Covid-19-Todesfälle, die beim Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet werden, erreichte in dieser Woche ihren Höchststand.

Seit der 19. Kalenderwoche (4. bis 10. Mai) pendeln sich die Sterbefallzahlen wieder auf ihrem Durchschnittsniveau ein. dpa