Brüssel / Christian Kerl Der Lockdown hat den Drogenmarkt verändert. Der Handel im Internet blüht. Experten befürchten, dass der Trend die Pandemie überdauert. Von Christian Kerl

Die Fahnder trauten ihren Augen nicht. Die Kokain-Dealer hatten  ihr Geschäft exakt wie einen Pizza-Service aufgezogen: Wenn einer der rund 2000 Kunden nach dem Stoff verlangte, rief er einfach im speziellen Callcenter an. Die Boten brachten das Rauschgift dann per Motorrad an die Haustür, zu einem verabredeten Treffpunkt in der Nähe oder bei Bedarf sogar ins Büro – mit dem Versprechen einer „garantierten Lieferung innerhalb von 20 Minuten“. Als die spanische Polizei vor wenigen Tagen die „Kokain-Hotline-Gang“ im Zentrum von Madrid hochnahm, verhaftete sie 28 Tatverdächtige, beschlagnahmte Millionen Euro und 20 Motorräder. Drogen-Experten in Europa sind alarmiert. Denn der neue Absatzweg der Rauschgift-Verbrecher macht sich mit der Corona-Krise zunehmend in ganz Europa breit, auch in Deutschland.

„Die Nachhause-Lieferung von Drogen hat deutlich zugenommen“, sagt Andrew Cunningham, Abteilungsleiter der EU-Drogenbehörde EMCDDA, unserer Redaktion. „Dieser Lieferservice wird nach der Pandemie bleiben.“ Es ist nicht das einzige Problem, das Drogenexperten und Polizeibehörden seit Corona beschäftigt. Die Pandemie hat massive Spuren auf dem Drogenmarkt in Europa hinterlassen. Die brisanten Entwicklungen:

Konsum Als grober Trend zeichnet sich ab, dass während der Ausgangssperren vor allem der Gebrauch von Partydrogen – Kokain und synthetische Drogen wie Ecstasy oder Amphetamin – vorübergehend zurückgegangen ist. Darauf deuten auch Abwasseranalysen unter anderem in Amsterdam hin, wo entsprechende Spuren plötzlich nur noch halb so stark messbar sind wie sonst. Während des Lockdowns habe es weniger Gelegenheiten zum Konsum gegeben, erläuterte  Direktor  Goosdeel bei einem Vortrag vor Abgeordneten des EU-Parlaments. Dagegen sei der Cannabis-Verbrauch angestiegen; ein Teil der Konsumenten habe sich offenbar vor den Ausgangssperren Vorräte angelegt. In einer gemeinsamen Analyse der Drogenbehörde und Europol wird darauf verwiesen, dass dort, wo Rauschgift noch erhältlich war, die Dealer höhere Preise verlangten.

Dealer-Hausbesuch Die internationale Polizeibehörde Interpol hat bereits eine Alarmmeldung an die Mitgliedstaaten geschickt und beschrieben, wie Drogenhändler seit der Corona-Krise die „Nachhause-Lieferung“ nutzen. Demnach tarnen sich die Drogenkuriere oftmals als Essens-Lieferdienste, die während des Lockdowns mehr als sonst unterwegs waren. Besonders besorgt die Fahnder die Kooperation der Kriminellen mit Restaurants und Lieferdiensten: Die betreiben mitunter den Transport von Kokain, Ecstasy oder Cannabis als Zuschussgeschäft zum Essens-Service – die Boten wissen zum Teil gar nicht, was sie neben Pizza oder Pasta noch ausliefern. Einzelfälle waren schon vor der Pandemie bekannt, zum Beispiel in Berlin: Anfang des Jahres nahm die Polizei in der Hauptstadt neun Männer fest, die mit sogenannten Kokain-Taxis Kunden mit dem Rauschgift beliefert haben sollen. Die Experten sind sich sicher, dass der Trend „dauerhaft“ ist.

Neue Drogenschwemme Während der Konsum abnahm, ging in Europa die Lieferung und Produktion ohne größere Störungen weiter, so der Bericht von Drogenbehörde und Europol. Synthetische Drogen werden ohnehin in Europa hergestellt, vor allem in den Niederlanden, Belgien und Tschechien. Kokain wurde offenbar weiter per Schiff aus Lateinamerika angeliefert, entsprechend konnten Fahnder in den letzten Monaten immer wieder größere Mengen sicherstellen. In der EU-Drogenagentur gibt es laut einer Sonderanalyse die Befürchtung, dass Dealer angesichts der angelegten Vorräte und des härteren Konkurrenzkampfs versuchen, Drogen per „Dumping“-Angebot zu verkaufen. „Noch sind Festivals abgesagt und die meisten Clubs geschlossen“, sagt Cunningham. „Aber wenn die Beschränkungen aufgehoben sind, wird eine Menge dieser Drogen verfügbar sein. Das macht uns Sorgen.“ Dasselbe gelte für Kokain: „Es kommt immer noch in großen Mengen nach Europa“.

Die Drogenbeobachter sprechen von einer „Herausforderung für die nächsten Monate“. Denn der Kundenkreis ist relativ groß: Der Konsum von Kokain und synthetischen Drogen wie Ecstasy, Speed oder LSD hat in Europa seit einigen  Jahren massiv zugenommen. Kokain ist die am häufigsten verwendete illegale Aufputsch-Droge.

Marktplatz Internet  Die Ausgangsbeschränkungen wegen des Coronavirus haben den Drogenhandel weiter ins Internet verlagert. Die gemeinsame Analyse von EMCDDA und Europol kommt zum Ergebnis, dass sowohl das Oberflächen-Internet als auch das Darknet eine wichtigere Rolle spielen, der Drogenkauf auf der Straße dagegen abnehme. Damit einher gehe die schwindende Bedeutung von Bargeld im Drogenhandel. Diese Verhaltensänderungen könnten von Dauer sein, so der Report. Damit verstärkt sich eine Entwicklung, die auch das Bundeskriminalamt (BKA) seit längerem beobachtet: Schon vor Corona wurde immer mehr Rauschgift im Internet verkauft und mit der Post versandt. Nach erfolgreichen BKA-Ermittlungen steht in Gießen demnächst eine Gruppe von Cyberkriminellen vor Gericht, die unter dem Namen „Chemical Revolution“ Drogen wie Kokain, Heroin, Amphetamin, Ecstasy und Cannabis verkauft hatte. Die elf Männer sollen den größten Rauschgift-Onlinehandel Deutschlands aufgezogen haben. Das Rauschgift kam meist per Post oder über Packstationen zum Kunden.

Die Gewalt nimmt zu

Schwere Unruhen im französischen Dijon, die  Mitte Juni ihren Ursprung im Drogenmilieu hatten, haben die Fahnder in Europa aufhorchen lassen. Tagelang lieferten sich Gruppen von Tschetschenen und Nordafrikanern Straßenschlachten, die Polizei bekam die Lage erst mit Unterstützung aus Paris in den Griff. Hintergrund war offenbar ein Streit zwischen rivalisierenden Drogenhändlern. „Wir haben Szenen wie in Lateinamerika gesehen“, heißt es bei der EU-Drogenbehörde. Wirklich überrascht war niemand. Zunehmende Kämpfe zwischen Drogenbanden werden auch aus anderen Ländern gemeldet, etwa aus den Niederlanden oder Schweden.