Frankfurt/Main / Rolf Obertreis Rettung in höchster Not: Nach langem Zittern billigt die Hauptversammlung die Beteiligung des Bundes an der Fluglinie. Von Rolf Obertreis

Wir haben kein Geld mehr“, räumt Aufsichtsratschef Karl­-Ludwig Kley gleich zu Beginn der denkwürdigen außerordentlichen Hauptversammlung der Deutschen Lufthansa unumwunden ein. „Wir leben von den Reserven. Die sind bald aufgebraucht. Ohne die Hilfe des Staates droht in wenigen Tagen die Insolvenz.“ Nur mit den neun Milliarden Euro des Bundes gebe es die Sicherheit des Überlebens und die Chance, nach der Krise wieder eine führende Position in der Branche zurückzugewinnen.

Kley und Lufthansa-Chef Carsten Spohr war schon am Vorabend ein großer Stein vom Herzen gefallen, genauso wie den 138 000 Beschäftigten und den Gewerkschaften: Nach langem Widerstand hatte der Großaktionär Heinz Hermann Thiele doch noch seine Zustimmung signalisiert. Zudem hatte sich die Fluglinie mit der Kabinengewerkschaft Ufo auf Einsparungen geeinigt, und die EU-Kommission hatte ihre Zustimmung zum Einstieg des Bundes erteilt.

600 Fragen der Aktionäre

Trotzdem sind die Gesichtszüge des 53-jährigen Managers in der Lufthansa-Zentrale am Frankfurter Flughafen angespannt, als er zusammen mit Kley nachdrücklich und engagiert für die Annahme der Staatshilfe trommelt. „Wir bitten um nichts weniger als Ihre Zustimmung zur Rettung der Lufthansa. Das ist ein historischer Moment.“ Wieder können beide dies wie beim regulären Aktionärstreffen Anfang Mai wegen Corona nur virtuell tun. Gleichzeitig müssen sie sich in Geduld üben: 600 Fragen haben  die Aktionäre eingereicht, die alle akribisch beantwortet werden.

Die Pandemie ist das Stichwort: 2017 bis 2019 seien die erfolgreichsten Jahre für Europas größte Airline gewesen. „Dann kam unverschuldet mit Corona das abrupte Ende“, sagt Spohr. Fast alle der 760 Flugzeuge mussten am Boden bleiben, 138 000 Lufthanseaten ging mit einem Schlag die Arbeit aus. Zwar läuft der Flugverkehr allmählich wieder an, aber das hilft nur begrenzt.

Die beiden Manager sprechen von sehr schwierigen Verhandlungen mit der Regierung. „Das war eine Achterbahnfahrt und ein Wechselbad der Gefühle. Zum Teil mussten wir während der Fahrt die Achterbahn wechseln.“ Beide loben das „großartige“ Engagement aller Lufthanseaten in einem „großartigen“ Unternehmen. „Wir packen das“, ruft Kley ins Mikrofon. Mit Spohr stellt er aber auch klar: Es geht nicht um Almosen. Das Geld muss die Lufthansa an den Bund zurückzahlen – mit ansehnlichen Zinsen.

Kurz vor der Hauptversammlung hatten Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) noch einmal nachdrücklich für die Annahme des Rettungspakets geworben. Es liege ein „gutes Angebot“ auf dem Tisch. Gleichzeitig hatte die EU-Kommission die Staatshilfe endgültig genehmigt. Sie macht zur Auflage, dass die Lufthansa an den Flughäfen in Frankfurt und München insgesamt bis zu 24 Start- und Landerechte an Wettbewerber abtritt.

Daneben hatte sich der Airline mit der Flugbegleitergewerkschaft Ufo auf Einsparungen im Volumen von 500 Millionen Euro geeinigt, was einer Senkung der Personalkosten um 17 Prozent entspricht. Im Gegenzug gibt es Kündigungsschutz bis Ende 2023. Auch in den Gesprächen mit der Pilotenvereinigung Cockpit geht es nach Angaben von Spohr gut voran. Enttäuschend verliefen dagegen die Verhandlungen mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für das Bodenpersonal. Dort drohen aktuell Kündigungen.

Großaktionär Thiele, der 15,5 Prozent der Aktien hält, stimmt dem Rettungspaket zwar zu. Aber er überzieht Spohr mit Dutzenden von kritischen Fragen: Habe er die Regierung auf die dramatischen Folgen der Reisebeschränkungen und der Grenzschließungen hingewiesen? Gab es keine Alternativen zum Einstieg des Staates? Er will auch wissen, warum die Kapitalerhöhung, an der sich die Altaktionäre und damit auch Thiele nicht beteiligen können, zu nur 2,56 Euro pro Aktie erfolgt und damit deutlich unter dem aktuellen Aktienkurs. An der Börse stieg er gestern angesichts der absehbaren Rettung zeitweise von neun auf elf Euro.

Warum sich Thiele mit all diesen Fragen, für die er offensichtlich eine Heerschar von Anwälten beschäftigt, nicht schon früher an die Airline gewendet hat, bleibt unklar. Spohr antwortet ausführlich und geduldig. Er betont, dass er von der Kritik des Milliardärs erst vor zehn Tagen aus einem Zeitungsinterview erfahren habe. Vorher hat sich Thiele nicht gerührt.

Ganz offensichtlich stellen auch viele Lufthanseaten Fragen, die Aktionäre sind. Sie wollen vor allem wissen, was mit den Arbeitsplätzen passiert. Wird es Kündigungen geben? Spohr und Personalchef Michael Niggemann antworten offen: Auch wenn sie möglichst vermieden werden sollen, gibt es keine Jobgarantie. Kein Wunder: Nach der Krise soll die Flotte um 100 Jets kleiner sein, was rechnerisch 22 000 Stellen kostet.

Eine Arbeitsplatzgarantie ist auch nicht Bestandteil der Staatshilfe. Dafür verpflichtet sich die Lufthansa zu Nachhaltigkeit und weiteren Schritten hin zur „grünen“ Transformation. Sie muss ihrer ökologischen Verantwortung nachkommen und die Flotte bis 2023 mit bis zu 80 emissionsärmeren Maschinen erneuern. Zudem soll sie sich um Flugkraftstoffe auf Basis erneuerbarer Energien bemühen.

Schon in Kürze soll die Lufthansa über Mittel aus dem Rettungspaket verfügen können. Das ist auch dringend notwendig. Zwar gibt es mittlerweile nach Angaben von Spohr 130 000 Buchungen, und der Flugplan wird weiter hochgefahren. Trotzdem verbrennt die Airline weiter jede Stunde eine Million Euro. Sie sitzt auf Ticket-Erstattungsanträgen von einer Milliarde Euro. Und Spohr bekennt, Umsatz- und Ertragsprognosen seien derzeit nicht möglich. Immerhin hat sich die Lufthansa Kosten in vermutlich siebenstelliger Höhe für die Hauptversammlung gespart  – weil sie virtuell stattfand.

Großes Hilfspaket

Insgesamt neun Milliarden Euro umfasst das Hilfspaket des Bundes für die Deutsche Lufthansa. Sein Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) erwirbt eine Stille Beteiligung von 4,7 Milliarden Euro. Für weitere 300 Millionen Euro bekommt er mit einer Kapitalerhöhung 20 Prozent der Aktien für einen Ausgabepreis von 2,56 Euro. Eine weitere Stille Beteiligung über eine Milliarde Euro kann er unter bestimmten Bedingungen in weitere fünf Prozent der Aktien umwandeln. So kann der Bund den Einstieg missliebiger Aktionäre verhindern.

Der Bund erhält zwei Sitze im Aufsichtsrat, die er mit unabhängigen Experten besetzen will. Die Staatsbank KfW gibt der Fluglinie drei Milliarden Euro Kredit, woran sich private Banken mit 20 Prozent beteiligen. Alle Einlagen müssen verzinst werden. otr/dik