Riad / Martin Gehlen Kronprinz Mohammed bin Salman will sein Volk auf die Zeit nach dem Öl vorbereiten. Doch seine „Vision 2030“ könnte an den finanziellen Folgen der Pandemie scheitern.

Für Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman jagt derzeit eine Hiobsbotschaft die andere. Das Coronavirus lähmt das Königreich, im Staatsetat klafft durch den Verfall des Ölpreises ein Rekorddefizit. Zusätzlich plagt Saudi-Arabien eine hausgemachte Multikrise – ­Jemenkrieg, Katar-Zerwürfnis und Krach mit Donald Trump, politische Repression im Inneren und Machtkämpfe in der Herrscherfamilie. Die durch den herrischen Thronfolger heraufbeschworenen Probleme türmen sich mittlerweile so gewaltig, dass selbst seine „Vision 2030“ ins Wanken kommen könnte, die Saudi-Arabien auf die Zeit nach dem Öl vorbereiten soll.

„Das Kö­nig­reich war seit Jahr­zehn­ten nicht mit ei­ner sol­chen Kri­se kon­fron­tiert – finanziell und gesundheitlich“, warnte Finanzminister Mohammed al-Jadaan Anfang der Woche und kündigte den Bürgern milliardenschwere Mehrbelastungen an. Aus dem Etat der Megaprojekte der „Vision 2030“ sollen acht Milliarden Dollar gestrichen werden.

Pilgergeschäft liegt am Boden

Mit diesem ambitionierten Reformprogramm will MbS, wie der Thronfolger im Volk heißt, seine Heimat in die Moderne führen. Die dadurch ausgelöste Entkrampfung des Alltags macht den Kronprinzen vor allem bei seinen jungen Landsleuten beliebt.

Die Corona-Pandemie bekommt das Königreich bisher nicht in den Griff, auch weil das Virus überwiegend unter den zehn Millionen Migrantenarbeitern aus Indien, Pakistan und Bangladesch grassiert, die meist dicht gedrängt in Mehrbettzimmern hausen. Nach der Türkei und dem Iran hat Saudi-Arabien im Nahen Osten die meisten Infizierten. Das milliardenschwere Pilgergeschäft liegt am Boden. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte der Wüstenmonarchie könnte Ende Juli auch der Hadsch ausfallen.

Gleichzeitig droht das Ölgeschäft einzubrechen. Die Nachfrage sinkt ins Bodenlose, der Umstieg der Weltwirtschaft auf erneuerbare Energien dürfte sich nach der Pandemie deutlich beschleunigen. Im Streit um künftige Fördermengen überwarf sich der Kronprinz unlängst nicht nur mit Kremlchef Wladimir Putin, sondern auch mit seinem Gönner Donald Trump, der sogar mit einem Ende des strategischen US-Schutzes drohte.

Ähnlich verworren ist die Lage im Jemenkrieg, den der Kronprinz im März 2015 vom Zaun brach und bei dem ihm der Rückzug ins Haus steht. Die fünfjährige Schlacht gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen ist gescheitert und richtete nach UN-Urteil das „größte humanitäre Desaster der Gegenwart“ an. Alle Gesprächsversuche mit den siegesgewissen Huthi verliefen bisher im Sande.  Martin Gehlen