Noch Ende Januar hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gemeint, der Krankheitsverlauf beim Coronavirus sei milder als bei einer Grippe. Heute würde er sich mit dieser Aussage im Lager der Corona-Leugner befinden. Und den Stillstand des öffentlichen Lebens hielt er schon gar nicht für nötig. Der dann doch kam – mit Macht. Mit dem jetzigen Wissensstand, räumt Spahn heute ein, sei so manches falsch gewesen. Nichthandeln sei in einer Krise aber keine gute Alternative. Einige Beispiele für Fehler und Wendungen.

Die Schulschließungen

Die wohl einschneidendste Corona-Maßnahme für viele Familien war die Schließung der Schulen. Ursprünglich waren die Kultusminister strikt dagegen. Auch der Berliner Virologe Christian Drosten fand: „Das bringt nicht so viel.“ Doch dann bekam er von einer US-Kollegin eine Studie zur Spanischen Grippe von 1918/19 geschickt. Nach der seien die Todesraten dort viel niedriger gewesen, wo man schnell die Schulen geschlossen habe. Drosten revidierte am 11. März seine Ansicht. Am 12. März hörten Ministerpräsidenten und Kanzlerin Drosten an – und letztlich auf ihn. Ab 16. März schlossen die Schulen. Heute hat die Politik eine andere Auffassung: Lieber auf Veranstaltungen und Auslandsreisen verzichten, als Schulen zu schließen.

Die Berater

Damit wären wir bei der Rolle der Wissenschaftler. Anfangs schien es so, als ob nur Christian Drosten und Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, Ahnung hätten. Und entsprechend von der Politik eingebunden wurden. Bald aber stellte sich heraus, dass die Virologen Alexander Kekulé aus Halle/Saale oder Hendrik Streeck aus Bonn andere Ansichten vertreten als Drosten. Der tauchte einige Wochen ab – sein Podcast ging in die Sommerpause. Nun gibt es das Format wieder, aber abwechselnd tritt nun die Virologin Sandra Ciesek aus Frankfurt/Main auf. Wieler dagegen bleibt auf Tauchstation. Politik und Öffentlichkeit jedenfalls haben gelernt: Die Welt der Wissenschaft ist bunt wie das Leben.

Die Masken

Auch bei den Masken legten Experten und Politik eine Kehrtwende hin. Wochenlang war gepredigt worden, dass das Tragen von Atemmasken für Normalbürger keinen Sinn mache und medizinischem Personal vorbehalten bleiben solle – als Masken Mangelware waren. Seit Ende April aber müssen Mund und Nase in allen Bundesländern im Nahverkehr und beim Einkauf bedeckt werden. Mittlerweile trifft man die Maske auch im Kino oder bei sonstigen Veranstaltungen an.

Die Bahn

Ein spezielles Maskenproblem hat die Deutsche Bahn. Für Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) war seit Beginn der Pandemie klar: Die Bahn muss weiterfahren. Nach wenigen Wochen wurde auch die Maskenpflicht eingeführt. Dann begann das Chaos. Jedes Bundesland führte eigene Bußgelder ein. Zumindest gibt es heute im Nahverkehr eine einheitliche Regelung: mindestens 50 Euro kostet ein Verstoß. Ausnahme: Sachsen-Anhalt. Doch wer keine Maske im ICE oder IC tragen will, den kann der Schaffner zwar des Zugs verweisen, der muss aber nicht unbedingt eine Geldstrafe berappen.

Wie sicher das Bahnfahren ist, ist bis heute nicht geklärt. Die Bahn argumentiert zwar, dass alle siebeneinhalb Minuten die Luft im Zug ausgewechselt wird. Doch eine wissenschaftliche Studie hierzu gibt es noch nicht. Das Verkehrsministerium gab sie erst vor kurzem in Auftrag.

Die App

Große Hoffnungen waren mit der Corona-Warn-App verbunden. Sie soll helfen, Infektionsketten leichter nachzuvollziehen. Was die Downloadzahlen angeht, hört sich die Bilanz gut an. Fast 18 Millionen Menschen haben sie heruntergeladen. 2500 Tele-Tans, mit denen Infektionen in der App gemeldet werden können, wurden von Gesundheitsämtern herausgegeben. Wie viele aber verwendet wurden, kann niemand sagen. Dafür ist das Datenschutzniveau zu hoch. Wie hilfreich ist die App also? Berechnungen des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen sind ernüchternd: Die Wahrscheinlichkeit, dass beim Kontakt eines Infizierten mit einem Unbekannten beide Personen die App haben, liege bei sechs Prozent.

Die Friseure

Als einen Fehler hat Jens Spahn die Schließung von Friseuren und Einzelhandel bezeichnet. Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, ist trotzdem nicht sauer. „Wir haben alle erst einmal lernen müssen, wie man mit der neuen Bedrohung umgeht“, sagte er dieser Zeitung. Er hält es für positiv, dass Spahn einen zweiten Lockdown für Friseure und Geschäfte nicht für nötig halte. Der Schaden durch die Schließungen im Frühjahr sei dennoch außerordentlich groß. Allein für den Handel geht er von Umsatzeinbußen in Höhe von rund 20 Milliarden Euro aus.

Die Staatshilfen

Schnell und unbürokratisch sollten die im März beschlossenen Hilfen für kleine Selbständige ausgezahlt werden. Binnen weniger Tage bekamen etwa zwei Millionen kleine Selbstständige bis zu 15 000 Euro Soforthilfe – ein Kraftakt für die Förderbanken der Bundesländer. Die Einmalzahlung lud auch so manche Kriminelle ein. Das brachte viel Arbeit für die Staatsanwaltschaften. Jedoch blieb letztlich gemessen an der Anzahl der kriminelle Anteil recht gering. Allerdings waren sich viele Antragsteller nicht im Klaren, dass die Hilfen nicht für ihren Lebensunterhalt gedacht waren, sondern nur für laufende Betriebsausgaben. Das sorgte für viel Ärger und Rückzahlungen. Daraus hat die Regierung gelernt: Für die im Juli beschlossenen Überbrückungshilfen von bis zu 150 000 Euro für Unternehmen bis 250 Mitarbeiter gilt: Beantragt werden kann das nur über einen Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder Anwalt – und die müssen für die Richtigkeit geradestehen. Das machte die Anträge aber komplizierter und langwieriger.

Die Europapolitik

Nicht nur für die EU-Kommissionspräsidentin war es ein Schock: „Wir haben in den Abgrund geschaut“, stellte Ursula von der Leyen im Frühjahr fest. Sie meinte damit nicht Corona selbst, sondern die europäischen Reaktionen darauf. Der Abgrund – das waren die Staus an den geschlossenen Grenzen oder die in einem Dutzend EU-Staaten verhängten Lieferstopps beim Export von Schutzausrüstung. Einiges wurde rasch korrigiert: Das deutsche Exportverbot für Schutzausrüstung von Anfang März wurde einige Tage später gelockert und nach zwei Wochen wieder aufgehoben. Europa schaltete nach und nach in den Solidaritätsmodus: So nahmen Krankenhäuser in Deutschland insgesamt 232 Intensivpatienten aus den überlasteten Nachbarländern Italien, Frankreich und Holland auf. Auf dem EU-Gipfel im Juli wurde schließlich ein 750 Milliarden Euro schweres Corona-Hilfspaket geschnürt.

Heidenheim